Aschenputtel

Einst lebten in einem reichen Haushalt die Haustochter und ein Waisenkind.
Das Leben des Waisenkindes war sehr schwer wegen der ewig nörgelnden Haustochter. Die ganze Arbeit mußte das Waisenkind tun, während die Haustochter nichts tat.
Eines Tages ging die Familie wieder in die Kirche, und das Waisenkind mußte zu Hause bleiben und wirtschaften. Beim Weggehen rief die Haustochter: „Arbeite ordentlich, Aschenputtel!“
Sobald die anderen weggegangen waren, lastete auf der Seele des Waisenkindes plötzlich furchtbare Sehnsucht, und es war, als befehle ihr ein geheimer Geist, zum Grabe der Mutter zu gehen, dort werde sie Ruhe finden. Das Waisenkind ging. Während sie dort saß, fragte die Mutter aus dem Grabe, wie sie jetzt lebe. Das Waisenkind erzählte ihr und sagte, daß es sonst nicht so schlecht sei, aber heute habe sie irgendwie keine Ruhe vor Sehnsucht.
„Möchtest du in die Kirche gehen?“
„Warum würde ich nicht wollen, doch wie soll ich hingehen? Ich habe keine Kleider.“
Kaum hatte sie das gesagt, da lagen vor ihr schöne Kleider, die wie Kupfer glänzten.
„Zieh sie an und eile!“
Das Waisenkind gehorchte und eilte zur Kirche. Wohl staunten alle über das Mädchen in den prächtigen Kleidern, doch keiner wußte, wer sie war. Vor allen anderen eilte das Waisenkind wieder davon, so wie es ihr die Mutter befohlen hatte, warf die Kleider ab und eilte heim. Dort war die ganze Arbeit schon getan. Als die anderen nach Hause kamen, redeten sie von nichts anderem als von dem prächtigen Mädchen.
Am nächsten Sonntag eilten wieder alle in die Kirche in der Hoffnung, dort die stolze Fremde zu sehen. Das Waisenkind wurde natürlich wieder zu Hause gelassen. Alles wiederholte sich wie das vorige Mal.
An diesem Tag war auch der Königssohn in der Kirche, denn die Geschichte von dem schönen Mädchen war auch bis zu seinen Ohren gedrungen.
Dieses Mal gab die Mutter der Tochter noch schönere Kleider als das erste Mal: Alles blitzte und glänzte wie Silber. Wieder eilte das Waisenkind zuerst nach Hause, legte die Kleider ab und eilte ins Zimmer. Die ganze Hausarbeit war schon getan. Bald kamen auch die anderen nach Hause und sprachen eine ganze Woche lang nur von der auffälligen Fremden.
Am folgenden Sonntag gingen wieder alle in die Kirche, während das Waisenkind zu Hause gelassen wurde und zudem gesagt bekam: „Arbeite gut, Aschenputtel!“
Das Waisenkind ging wieder an das Grab der Mutter; diesmal gab die Mutter der Tochter noch prächtigere Kleider, alles glänzte und glitzerte wie Gold und Edelsteine.
Jetzt wollte aber der Königssohn das Waisenkind mit Gewalt festhalten, doch das Waisenkind entwischte und konnte nach Hause flüchten. Der Königssohn ließ aber vorher auf den Fußboden der Kirche Teer gießen, dort klebte nun das Waisenkind mit den Füßen fest. Die Füße bekam sie wohl los, doch ein Schuh blieb im Teer stecken.
Der Königssohn nahm den Schuh und ließ überall bekanntmachen, daß er die Schuhbesitzerin zur Frau nehmen wolle. Doch es meldete sich keine.
Jetzt ließ der Königssohn bekanntmachen, daß diejenige, deren Fuß in den Schuh passe, seine Frau werden solle. Es kamen wohl sehr viele, um den Schuh anzupassen, doch kein Fuß paßte hinein. Die Haustochter schlug sich die Zehen ab, aber der Schuh paßte trotzdem nicht.
Nun wollten sie durch List die Haustochter dem Königssohn geben. Es hieß, daß ja ein jeder die Seine kennen müsse. Dem Waisenkind wurde eine Wagennabe um den Hals gelegt, der Haustochter aber wurden große Perlen angehängt.
Der Königssohn erkannte dennoch die Seine: „Ich möchte die mit der Nabe haben!“
Das nächste Mal wurden Nabe und Perlen vertauscht, doch der Königssohn erkannte die Seine auch diesmal wieder.
Als es zur Hochzeit ging, wurden die Haustochter und das Waisenkind vertauscht. Das Waisenkind steckte man in den Schweinestall. Dennoch gelang es dem Waisenkind freizukommen, und sie lief hinterher.
Auf einer Brücke über dem Fluß holte sie den Hochzeitszug ein. Der Bräutigam hatte in den Kleidern nicht erkannt, daß neben ihm ein fremdes Mädchen saß. Jetzt sah er seine richtige Braut und stieß die Haustochter in den Fluß. Die Haustochter sank auf den Grund, und aus ihrem Herzen wuchs ein Rohr.
Die Schwiegermutter wußte aber nicht, daß ihre Tochter ertrunken und das Waisenkind verheiratet war. Sie glaubte, das Waisenkind habe sich zwar befreit, sei aber nur davongelaufen.
Nach einem Jahr wurde dem jungen Paar ein Kind geboren, und die Schwiegermutter ging, um ihre Tochter zu besuchen. Von der Brücke sah sie im Fluß ein hübsches Rohr und wollte es brechen, um es dem Enkelkind zum Spielen zu bringen. Das Rohr begann aber zu singen:
„Liebe Mutter, das ist meine Nabelschnur.“
Jetzt erst begriff die Mutter, wie es der Tochter ergangen war.

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