Das Mädchen im Räuberhaus

In alten Zeiten lebte ein Herr mit seiner Frau in einer sehr glücklichen und herzlichen Ehe. Gott hatte ihnen zur Freude ein einziges kleines Töchterchen geschenkt, das sie beide liebten und wie ihren Augapfel hüteten.
Als die Tochter schon sechs oder sieben Jahre alt war, begab sich der Herr auf eine weite und dringliche Reise. Beim Verlassen des Hauses schärfte er seiner Frau ein, auf jede Weise für das Kind zu sorgen und darüber zu wachen, daß ihm kein Unglück geschehe. Die Frau versprach, mit mütterlicher Liebe für das Wohl der Tochter zu sorgen und alles nach besten Kräften zu tun.
In der ersten Zeit liebte und umsorgte die Mutter denn auch ihr Kind, doch später, als der Herr längere Zeit wegblieb, veränderte sich ihr Sinn, und es geschah, was eigentlich eine Mutter nicht tun dürfte: Ein fremder Herr suchte sie immer häufiger auf, und die Sache gedieh schließlich so weit, daß beide begannen, ein liederliches Leben miteinander zu führen.
Das kleine Mädchen, das einen scharfen Verstand hatte, begriff das Falsche am Tun ihrer Mutter, und es sagte ihr oftmals, daß sie so nicht leben dürfe. Als aber die Frau dieses Leben immer weiter führte, drohte die Tochter, die Sache dem Vater zu erzählen, wenn er wieder nach Hause komme.
Jedesmal wenn das Kind der Mutter Vorwürfe machte, nahm die Liebe der Mutter zur Tochter immer mehr ab und wurde kühler. Jetzt aber, da die Tochter drohte, dem Vater zu klagen, wurde das Herz der Mutter für sie eiskalt, und die Tochter wurde ihr ein Dorn im Auge, ein überflüssiger Balken in der Wand, den man nicht brauchte.
Die Mutter begann Pläne zu schmieden, wie sie die Tochter loswerden könnte. Schließlich muß ihr der alte Satan selber einen Rat erteilt haben. Es kann doch sonst keiner Mutter Herz von sich aus einen so teuflischen Plan gegen ihre einzige schöne Tochter ausbrüten.
An einem späten Abend rief sie den Kutscher in ihre Kammer und sagte: „Spanne die Pferde vor den Wagen und bringe meine Tochter in den Wald, kleide sie dort aus, erschlage und zerschneide sie und bringe mir ihr Herz her, damit ich es genau weiß, daß dieses niederträchtige Wesen, das mir ein Kreuz ist, auch wirklich tot ist.“
Der Kutscher erschrak, als er die furchtbaren Worte hörte, und konnte eine Weile kein Wort hervorbringen; doch dann nahm er sich zusammen und begann um Erbarmen für das Kind zu bitten.
Mitleidlos und kalt verlangte die Frau vom Kutscher die Ausführung ihres Befehls und drohte: „Wenn du meinen Befehl nicht erfüllst oder ihn schlecht ausführst, so daß die Sache unter dem Volk ruchbar wird, haftest du dafür mit deinem Kopf.“
Dem Kutscher blieb nichts übrig, er mußte die Pferde vor den Wagen spannen und fahren. Das Töchterchen setzte sich fröhlich in den Wagen, denn es glaubte, es sollte irgendwohin zu Besuch gebracht werden. Die Arme wußte nicht, daß sie zu einem Schlachtopfer und zum Fraß für die Raben bestimmt war.
Weit im Walde hält der Kutscher die Pferde an und erzählt dem im Wagen sitzenden Kind die schreckliche und grauenhafte Geschichte. Der kleine Schönheitsengel erschrickt beim Vernehmen dieser Geschichte, doch bald kommt das Mädchen zu sich und sagt:
„Laß mich leben, nimm diesen Hund, der uns zum Glück nachgelaufen ist, schlachte ihn und bring das Herz des Hundes anstelle des meinen, um es ihr vorzuzeigen. Du kannst ja das Herz des Hundes etwas mit Sand beschmieren, falls du befürchtest, daß sie die Sache durchschaut, und du kannst dich damit entschuldigen, es sei dir heruntergefallen und deshalb schmutzig geworden.“
Der Kutscher war über diesen guten Rat sehr erfreut und machte alles genauso, wie es ihm das Mädchen gesagt hatte. Das Mädchen aber kleidete sich aus und ging splitternackt in den Wald, wobei der Kutscher ihr beim Abschied höchstes Glück und Obdach wünschte und für sie betete, denn durch den klugen Rat des Mädchens brauchte er nicht Menschenblut zu vergießen.
Der Kutscher brachte das sandige Hundeherz der Frau, um es ihr vorzuzeigen. Doch weil sie das Gewissen plagte oder aus einem anderen Grunde, warf sie keinen Blick auf das Herz und befahl, es irgendwo zu begraben, wo es von keines Men-schen Auge gesehen werden konnte.
Ein jeder kann sich vorstellen, mit welcher Herzbeklemmung die Kleine nackt in dem nassen Gras umherirrte und sich ein Obdach suchte. Schließlich, als die Müdigkeit und Kälte sie zu überwältigen begannen, sah sie zwischen den Bäumen Licht schimmern.
Sie nahm die letzten Kräfte zusammen und schleppte sich dorthin. Todmüde kam sie zu dem Haus, aus dem das Licht schien. Ängstlich und verschämt geht sie hinein, und es ist wie ein Wunder, was sie dort vorfindet: Das Feuer brennt im Haus, auf dem Tisch stehen drei Gläser mit Obstwein, und drei belegte Brote liegen daneben, doch es zeigt sich keine Menschenseele, auch nach längerem Warten nicht.
Da faßte sie Mut, trank ein Glas des stärkenden Getränks aus, aß ein Stück belegtes Brot und kroch unter den Ofen, um dort in der Wärme auf das Erscheinen der Menschen zu warten. Obwohl todmüde, konnte sie dennoch nicht schlafen, so erschüttert und aufgeregt war die Arme.
Vor dem Morgengrauen erschienen endlich drei Männer im Haus. Sie warfen einen Blick auf den Tisch und sagten sogleich: „Es muß irgendwo hier ein Fremder versteckt sein, denn ein Glas ist leer, und ein Stück Brot fehlt auch.“
Sofort begannen sie alle Ecken und Winkel zu durchsuchen, fanden jedoch niemanden. Unter den Ofen zu schauen, kam den Männern nicht in den Sinn.
Nachdem sie beim Suchen nichts gefunden hatten, fingen sie an zu rufen: „Komm heraus, Fremder, wer immer du bist, jung oder alt, Frau oder Mann; Gnade, Gnade versprechen wir dir und werden unser Wort auch halten!“
Das Kind unter dem Ofen rief ihnen zu: „Gern würde ich hervorkommen, aber ich wage es nicht, denn ich bin splitternackt!“
Einer von den dreien schob ihr ein Kleidungsstück hin, damit bedeckte sie sich und kam hervor.
Das Staunen der Männer war groß, als sie die Schönheit sahen, die vor ihnen stand. Vor Angst, Verzweiflung und Müdigkeit war das Kind blaß, doch jetzt in der Wärme und vor den fremden Männern stieg ihr ein wunderschönes zartes Rot in die Wangen und machte sie einer schönen Frühlingsblüte gleich.
Kurz und klug erzählte das Mädchen den Männern von ihrem Schicksal. Die Männer waren dadurch so gerührt, daß sie versprachen, sie in ihre Obhut zu nehmen, für sie zu sorgen und ihr auf jede Weise Gutes zu tun.
Außer den dreien gab es im Hause niemanden mehr. Diese drei Männer lebten hier im dichten Wald und ernährten sich von Räubereien. Wie man sieht, geriet das arme, von der Mutter verstoßene Kind in ein Räuberhaus und fand bei den Räubern mehr Erbarmen und Gnade als bei der eigenen Mutter!
Mehrere Jahre lebte sie bei ihnen, kochte ihnen das Essen, wusch ihre Wäsche und verrichtete andere notwendige Arbeiten. Die Männer waren auch sehr freundlich zu ihr; sie brachten oft verschiedene Geschenke und schöne Sachen mit, so daß sie schließlich mit diesem Leben ganz zufrieden zu sein schien.
Inzwischen aber keimte im Herzen der Mutter der Gedanke: Meine Tochter lebt noch, und das kann ich nicht dulden!
Sie ließ eine sehr kluge Zauberin zu sich rufen und sagte: „Kannst du, da du klug bist, in Erfahrung bringen, ob meine Tochter noch lebt und wo sie lebt?“
Die Zauberin bediente sich ihrer Zauberkunst und sagte: „Ja wirklich, sie lebt noch, und ich kann sie auch erreichen, wenn es nötig sein sollte.“
Die Frau bezahlte natürlich der Zauberin für ihre Mühe das Doppelte vom Verlangten, gab ihr ein schönes Kleid und sagte: „Bringe dieses Kleid meiner Tochter zum Geschenk, aber um Gottes Willen, sage ihr nicht, daß ich es ihr geschickt habe.“
Die Hexe tat, wie ihr befohlen. Das Mädchen freute sich über das wunderhübsche Geschenk und zog es gleich an. Doch als es daß Kleid angezogen hatte, fiel das Mädchen um und war tot!
Die Räuber kamen nach Hause, und ihr Staunen und Bedauern war unsagbar groß, als sie ihr teures und schönes Pflegekind tot auf dem Fußboden liegen sahen. Sie beschlossen, ihm ein Totenkleid anzuziehen und es wie richtige Christenmenschen auf ehrenvolle Weise zu bestatten. Sie zogen ihm das geschenkte Kleid aus. Vor Schreck blieben die Männer stocksteif stehen, denn das Mädchen wurde lebendig, war gesund und schön, als sei nichts Außergewöhnliches geschehen.
Es verging einige Zeit, und das Herz der Mutter begann erneut der alte drückende Gedanke zu quälen: Meine Tochter lebt noch. Wieder wurde die alte Zauberin herbeigerufen.
Sie bestätigte: „Ja, meine Weisheit sagt es mir auch, daß sie wirklich wieder lebt.“
Die Frau gab jetzt der Hexe goldene Armbänder und sagte: „Zieh dir andere Kleider an, damit sie dich nicht erkennt, geh hin und bringe ihr diese Armbänder zum Geschenk!“
Die Hexe führte den Auftrag aus.
Als das Mädchen die Armreifen umlegte, fiel sie sofort tot um. Wieder fanden es die Räuber tot vor und nahmen ihm die Armreifen ab (denn es tat ihnen leid, solche Armreifen mit ins Grab zu legen). Sobald sie die Armreifen abnahmen, erwachte die Tote zum Leben.
Von neuem bedrückte das Herz der Mutter der Gedanke: Meine Tochter lebt doch noch immer. Die Zauberin wurde zum dritten Male zur Frau geholt.
Sie bestätigte: „Ja, deine Tochter lebt wieder.
Jetzt gab die Frau der Hexe Ohrringe und befahl, sie der Tochter zu schenken. Die Hexe tat, wie ihr befohlen.
Sowie sich das Mädchen diese Ohrringe an die Ohren steckte, starb es auch diesmal.
Als die Räuber nach Hause kamen, fanden sie ihr Pflegekind tot vor. Zuerst hofften sie, daß es wieder irgendwie lebendig werde, wie es schon vorher zweimal geschehen war. Als sie alles versucht hatten, um sie zum Leben zu erwecken, als nichts geholfen hatte, glaubten sie schließlich: Sie ist tot. Ihr die Ohrringe abzunehmen, kam ihnen nicht in den Sinn. Ihr Leid und ihre Trauer waren groß.
Sie zogen den Leichnam schön an, ließen einen gläsernen Sarg anfertigen und legten die Tote da hinein. Den gläsernen Sarg mit der Toten stellten sie in eine abgelegene Kammer, wo sie ihre schöne Verstorbene durch den gläsernen Sarg jeden Tag betrachten konnten. Wegen ihrer großen Schönheit konnten sie sich nicht entschließen, sie zu beerdigen.
Nun war auch der Herr von seiner Reise nach Hause zurückgekehrt. Die Frau schwindelte ihm natürlich vor, die Tochter sei gestorben, und zeigte dabei ein so süßsauer weinerliches Gesicht und solche Trauer, daß der Herr glaubte, was die Frau ihm vorlog.
Mit dem Herrn waren aber mehrere fremde junge Herren aufs Land zur Jagd gekommen. Eines Tages gingen sie zur Jagd, und ein junger Mann irrte ab und konnte die anderen nicht mehr finden. Als er bis zum Ermüden umhergelaufen war, gelangte er schließlich zum Räuberhaus. Er ging durch das ganze Haus, traf jedoch keinen einzigen Menschen an, denn die Räuber waren wieder einmal auf Beute aus. Dabei entdeckte er auch die Kammer, wo der gläserne Sarg mit der Toten stand.
Der junge Herr betrachtete eine Weile mit großem Staunen diesen Sarg und auch die schöne Tote. Er dachte: Es ist hier keiner zu sehen, komme, was da wolle, ich stehle die Tote mit dem ganzen Sarg.
Gedacht, getan.
Die Tote tragend, fand er auch den Weg und schritt froh dem Hause zu. Wenn es auch eine tote Schönheit war, das Herz des jungen Mannes sagte ihm dennoch, daß er ohne sie nicht leben könne.
Auf dem Gut oder im Schloß brachte er den Sarg in eine Nebenkammer und ging oft hin, um die Tote zu betrachten. Einmal öffnete er den Deckel des Sarges, schaute die Tote an und fingerte dabei an ihrem Ohrring. Der Ohrring fiel aus dem Ohr heraus in die Hand des Herrn, und die Tote begann etwas zu atmen und sich zu bewegen. Der Herr erschrak und eilte davon. Die anderen hatten die Sache schon bemerkt und meinten, daß er in der Kammer ein Geheimnis verberge, denn sonst würde er ja nicht so oft allein dort hingehen.
Nun begann der Hausherr ihn nach seinem Geheimnis auszufragen.
Der junge Herr erzählte alles, was wir schon wissen. Sie gingen zusammen hin, sich dieses Wunder anzuschauen. Wunder hin, Wunder her, die Tote atmete jedenfalls leise und bewegte sich etwas.
Der alte Herr nahm den zweiten Ohrring aus dem Ohr, und die Tote wurde ganz lebendig und stand als die größte Schönheit vor ihnen.
Sobald der erste Schreck der Herren vorüber war, nahmen sie ihren Mut zusammen und begannen das Mädchen nach seinem Stand und seinem Schicksal zu befragen. Das Gespräch dauerte lange, das Mädchen erzählte, wie alles gewesen war und wie schlecht ihm das Schicksal bisher mitgespielt hatte.
Da fand der Vater seine Tochter und die Tochter ihren Vater wieder. Der Bräutigam bekam eine Braut und die Braut einen Bräutigam!
Der alte Herr wurde seiner Frau so bitterböse, daß er sie erbarmungslos hinrichten ließ. Der junge Mann, der das Mädchen tot gebracht hatte, warb um sie. Nach einiger Zeit wurde eine fröhliche und prächtige Hochzeit gefeiert.
Und sie lebten lange in einer glücklichen Ehe.

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