Das Waisenkind wird ein Kuckuck

Es lebte in alten Zeiten ein Mann, der zwei Töchter hatte. Die ältere war schlank, hatte ein freundliches Gesicht und eine wunderschöne Stimme. Ihre rosa Wangen und ihre blauen, hübschen Augen hoben sie unter allen anderen Mädchen hervor. Und wenn sie am Abend sang, kamen alle herbei, um sie zu hören; denn einen schöneren Singvogel gab es in der ganzen Welt nicht mehr.
Die jüngere Tochter hingegen war nicht halb so hübsch. Ihre Mutter bereitete es große Herzschmerzen, daß die ältere Tochter gelobt und die jüngere getadelt wurde; denn die jüngere war ihre eigene Tochter und die ältere ihre Stieftochter, weil sie selbst die zweite Frau dieses Mannes war. Die Mutter der älteren Tochter war schon bei deren Geburt gestorben, und die Tochter selbst wußte nicht, daß sie eine Stiefmutter hatte, obwohl sie jeden Tag schlecht behandelt und ausgeschimpft wurde, die andere aber gepflegt und verwöhnt wurde.
Je größer die Töchter wurden, desto mehr wuchs auch der Haß der Mutter auf die ältere Tochter, und wo sie nur konnte, trachtete sie danach, das Mädchen zu töten, denn die Mutter war der Meinung, die jungen Leute würden, wenn die Töchter ins Heiratsalter kämen, eher die Stieftochter als ihre eigene Tochter anschauen, und das könnte sie nicht ertragen. Deshalb wartete sie auf eine günstige Gelegenheit, um sie zu ermorden.
Und eines Tages gelang es ihr auch. Der Mann war nicht zu Hause, und jetzt befehligte sie.
Da sagte sie zu den Töchtern: „Geht und holt mir aus dem Brunnen Wasser, und welche von euch zuerst mit dem Wasser zurück sein wird, der gebe ich ein Butterbrot.“
Doch der eigenen Tochter gab sie einen Eimer, der Stieftochter aber ein Sieb, um Wasser zu holen. Die Stieftochter fing an zu weinen, nahm aber das Sieb und ging Wasser holen, denn sie wußte ja, daß die Ofengabel auf ihrem Rücken tanzen würde, wenn sie nicht schnell mit dem Wasser zurückkäme.
Doch ein Vogel fing auf dem Gartenzaun an zu singen und sagte: „Lehm ins Sieb, Lehm ins Sieb“, und das Mädchen tat, wie der Vogel es lehrte.
Und siehe da, das Sieb ließ keinen Tropfen Wasser durch. Das Mädchen holte freudig Wasser und eilte zur Mutter zurück, viel eher als ihre Halbschwester.
Die Mutter machte auch ein freundliches Ge-sicht und sagte: „Du bist ein gutes Kind, daß du so schnell das Wasser brachtest! Geh jetzt und nimm dir selbst das Butterbrot, es ist im Kasten.“
Doch sowie es das Brot nehmen wollte, schlug die Stiefmutter den Kastendeckel zu, und das Mädchen war dazwischen tot. Und diese schreckliche Frau nahm das Kind, kochte es und gab es dem Manne zu essen. Doch der Mann begriff sofort, aß nicht und fragte nur: „Was ist das für Fleisch?“
Die Frau erwiderte: „Iß nur, es ist Hühnerfleisch.“
Der Mann aber aß trotzdem nicht, und als die Frau hinausging, nahm er die Knochen, band sie in ein Tuch und legte sie in die Höhlung einer Handmühle. Dabei sagte er: „Wachse hier, mein Hühnchen, erwache zum Leben, mein Töchterchen!“
Nach einigen Tagen ging er hin, um nachzusehen, was aus diesen Gebeinen geworden sei, und siehe da, die Knochen waren zusammengewachsen, und die Adern waren schon drauf. Einige Tage später ging er wieder hin, um nachzusehen: Schon waren die Haut und die Flaumfedern darauf. Nun dachte der Mann: Wer weiß, was daraus wird, und er wagte mehrere Tage nicht, nachsehen zu gehen.
Doch schließlich ging er dennoch hin. Sowie er aber hinkam, flog aus der Höhlung ein Kuckuck heraus, nahm die Handmühle, flog mit ihr auf den Hausgiebel und fing an zu rufen:
„Komm heraus, mein Väterchen!
Dir gebe ich einen goldenen Hut.
Komm heraus, mein Mütterchen!
Dir gebe ich eine Perlenschnur.
Komm heraus, mein Schwesterchen!
Dir gebe ich eine große Spange.“
Aber die Stiefmutter erkannte sie sofort, nahm den Ofenhaken und wollte sie damit vom Hausgiebel herunterschlagen. Wie sie jedoch die Ofengabel hob und zuschlagen wollte, erschrak der Kuckuck und ließ die Handmühle fallen. Sie fiel direkt auf den Kopf der Stiefmutter und erschlug sie.
Der Kuckuck aber flog in den Wald, und er kommt niemals mehr zurück, um auf dem Hausgiebel „Kuckuck“ zu rufen. Wenn er aber dennoch zuweilen hinkommt, so bedeutet das ein Unglück, oder es stirbt jemand. Und das ist so: Wenn der Kuckuck auf dem Gartenzaun „Kuckuck“ ruft und den Schnabel nach innen hält, dann stirbt ein Mensch. Wenn er aber den Schnabel nach außen hält, so geschieht irgendein anderes Unglück.
Deswegen wird auch der Kuckuck mehr geachtet als jeder andere Vogel. Und wenn jemand einen Kuckuck töten sollte, dann muß er ihm einen Sarg machen und ihn ordentlich begraben.

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