Den Mond im Genick, die Sonne auf der Stirn

Drei hübsche Mädchen rupften an einem schönen Herbsttag am Wegrand Lein. Da geschah es, daß der König vorbeifuhr und die hübschen Mädchen bemerkte.
Er befahl zu halten und begann mit ihnen eine Unterhaltung: „Wer seid ihr, schöne Mädchen?“
„Wir sind aus dem Dorf nebenan und alle eines Vaters Kinder.“
Der König schaute den Mädchen gutgelaunt zu, fing mit ihnen zu scherzen an und sagte: „Ihr gefallt mir sehr.“
Da nahmen sich die Mädchen ein Herz und baten den König, sie zu heiraten.
Die älteste Tochter hob an und sagte: „Lieber König, nimm mich zur Frau; ich werde dein ganzes Heer mit einer einzigen. Leinfaser einkleiden.“
Der König wollte sie aber nicht.
Da fing die zweite Schwester an zu bitten und sagte: „Lieber König, nimm mich zur Frau, ich sättige dein Heer mit einer einzigen Brotkrume.“
Doch der König wollte auch sie nicht.
Jetzt trat das jüngste, schönste Mädchen vor und bat: „Lieber König, nimm mich zur Frau, ich schenke dir einen Sohn, der wird den Mond im Genick, die Sonne auf der Stirn und den Morgenstern über dem Herzen haben.“
Der König nahm sie auf diese Bitte hin zur Frau, und sie fuhren in die Königsstadt, wo er ein prächtiges Schloß besaß. Dahin brachte jetzt der König seine Frau, und dort fing für sie ein fröhliches Leben an.
Es wäre alles gut gewesen, wenn nicht die alte Mutter des Königs ihre junge Schwiegertochter gehaßt hätte.
Die alte Königsmutter sagte: „Ein Bauernmädchen als Königin – nein, das darf nicht sein!“
Die Alte rief heimlich ihre Ratgeber zusammen, um zu beraten, wie sie ihre Schwiegertochter vor dem König schlechtmachen könnte. Da gab der eine einen bösen und der andere einen noch böseren Rat, wie man die Königin loswerden könnte.
Schließlich sagte einer der Klügsten unter ihnen: „Wir müssen abwarten, bis der König in den Krieg zieht, dann haben wir genug Zeit, um Rat zu finden, wie wir sie loswerden.“
Sie brauchten nicht lange zu warten, es begann bald ein Krieg, und der König mußte in den Kampf ziehen; so hatte die böse Alte ein gewonnenes Spiel.
Bald nach der Abreise des Königs wurde ihm der versprochene Sohn geboren, es war aber ein Kind wie jedes andere ohne irgendwelche besonderen Merkmale.
„Was können wir jetzt tun?“ dachte die Alte.
Sie rief wieder ihre Ratgeber zusammen, und es wurde beschlossen, dem König eine falsche Botschaft zu schicken, daß dieser versprochene Sohn ein gar schreckliches Wesen sei mit einer Wolfsschnauze, mit Bärentatzen und mit einem Fuchsschwanz.
Die böse Alte verstand es, den König so zu überlisten, daß er schließlich die häßlichen Merkmale statt des versprochenen Mondes und der Sonne für möglich hielt. In seinem Ärger schickte er darauf eine Nachricht zurück und befahl, das Kind und die Mutter beiseite zu schaffen, damit eine solche Schmach nicht bekannt werde, denn das könnte dem König zur Schande gereichen.
Als die Befehle zu Hause ankamen, war die Freude der bösen Alten groß. Sie kamen wieder zusammen und beschlossen, daß die Mutter und das Kind erbarmungslos sterben sollten; nun hatte die arme Königin keine Hoffnung mehr, am Leben zu bleiben.
Die bösen Ratgeber ließen eine Tonne anfertigen, in die sie die Mutter und das Kind mit ein wenig Mundvorrat einsperrten und ins Meer warfen, wo sie nun der Wind Tage und Nächte auf den Wellen schaukelte.
Ein Seevogel flog jeden Tag auf die Tonne und sang:
„Wehe, Windchen,
Puste, Windchen,
Bringe die Gefangenen nach Saaremaa,
Schlage sie an den Viru-Strand!“
So vergingen Jahre, das Vögelchen, das sie jeden Tag durch das Lied erfreute, nährte sie zugleich.
Der Junge, der inzwischen groß geworden war, wollte nicht mehr in der Tonne bleiben und fragte: „Mutter, kann ich mich strecken?“
Die Mutter aber sagte: „Strecke dich nicht, mein Sohn, dann sind wir verloren.“
Die Tonne schaukelte aber, vom Winde getrieben, auf die alte Weise weiter. Nach langer Zeit stand schließlich die Tonne unbeweglich auf der Stelle, und der Sohn fragte wieder die Mutter: „Mutter, soll ich mich strecken?“
Die Mutter erwiderte: „Warten wir noch ein Weilchen, vielleicht kommt der Vogel und bringt uns etwas zum Essen.“
Doch der Vogel kam nicht mehr. Da sagte die Mutter: „Sohn, strecke dich jetzt!“
Und der Sohn streckte sich. Da brach der Boden der Tonne auseinander, und sie standen auf trokkener Erde. Staunend sah sich der Sohn um und sah Menschen – es waren Fischer. Sie gingen hin und baten um etwas zu essen und bekamen es auch.
Von dort gingen die beiden bettelnd weiter, bis sie schließlich in eine große Stadt kamen, wo viel Volk zusammengelaufen war. Da hörten sie, daß der König nach einer langen Trauerzeit wieder heiraten wollte, daß heute die Verlobung stattfinde und daß der König aus diesem Grunde ein Fest ausgerichtet habe. Sie wurden dabei vom Volk mitgezogen, bis sie vor dem Schloß des Königs standen.
Hier erkannte die Mutter mit Schrecken das Haus ihres Mannes und wollte fliehen, doch sie hatte aus den Erzählungen des Volkes auch gehört, daß der König ihr lange nachgetrauert habe. Deshalb faßte sie Mut und drang weiter vor, um in die königliche Küche zu gelangen. Dort erkannte man sie nicht mehr, und sie suchte sich einen Platz, an dem sie sich beide verstecken konnten. Von anderen ungesehen, hörten sie alles, was besprochen wurde.
Mit Staunen erfuhren nun die Lauschenden, man habe einen Scheffel Nüsse vor den König gebracht und daran die Bedingung geknüpft, die Verlobung dürfe nicht eher vollzogen werden, bis diese Nüsse von selbst und paarweise aus dem Scheffel herausspringen, was jedoch bisher nicht geschehen sei. Jetzt waren alle sehr in Sorge, da dies noch niemand hatte vollbringen können.
Nun sagte der Junge: „Mutter, ich gehe hin.“
Die Mutter erwiderte: „Geh nicht, sie werden dich töten.“
Der Sohn hörte aber nicht auf das Verbot der Mutter, kam hervor und ließ sich vor den König bringen. Hier sah er staunend den König in seiner ganzen Pracht auf dem Throne sitzen, und der Scheffel mit den Nüssen stand vor ihm auf dem Boden.
Er trat festen Schrittes vor den König, sah ihn an und sagte:
„Der König fuhr einen Weg entlang“, und plötzlich sprangen zum Erstaunen aller zwei Nüsse aus dem Scheffel heraus.
Der König erschrak und blickte den jungen Mann an, dieser aber sprach weiter: „Drei Mädchen rupften Lein“, und wieder sprangen zwei Nüsse aus dem Scheffel.
So erzählte der junge Mann diese Geschichte bis zu seiner Geburt, und der Scheffel mit den Nüssen war schon halb leer. Da plötzlich leuchtete der Mond in seinem Genick auf, die Sonne schien auf seiner Stirn und der Morgenstern auf seiner Brust.
Der König kam von seinem Thron herunter, umarmte und küßte ihn und sagte: „Du bist mein lieber Sohn, und wo ist deine Mutter?“
Jetzt wurde auch die Mutter aus ihrem Versteck herausgeholt, und sie trat zitternd vor den König. Der König aber eilte ihr entgegen, umarmte und küßte sie. Dann führte er sie zu seinem Thron, auf dem sie neben ihm bis zu ihrem Lebensende herrschte.

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