Der arme Tönu

Einst lebte in einer Königsstadt ein Mann, den andere den armen Tönu nannten. Er selbst war mit diesem Namen zwar nicht zufrieden, konnte aber nichts dagegen tun, daß man ihn so nannte.
Einmal kam ihm in der Stadt der König entgegen; Tönu grüßte den König, und der König beantwortete seinen Gruß mit den Worten: „Guten Tag, armer Tönu!“
Tönu sagte: „Herr König, könntet Ihr mir nicht sagen, warum man mich den armen Tönu nennt? Bin ich denn der einzige Arme auf der Welt, und ich bitte darum, mich zu lehren, wie ich reich werden könnte.“
Der König befahl dem Tönu, ihm zu folgen, und Tönu ging hinter dem König her bis zum prächtigen Königsschloß. Dort holte der König eine Menge dicker Bücher heraus, setzte sich hin und sagte zu Tönu: „Ich will in diesen Büchern nachsehen, wo sich dein Glück befindet, vielleicht bist du nur noch nicht dahingekommen, wo dein Glück liegt.“
Der König blätterte schon eine ganze Weile in den Büchern, doch nirgends trat das Glück des armen Tönu zutage. Da kam die einzige Tochter des Königs zur Tür herein und fragte den Vater, als sie die Menge Bücher sah: „Was suchst du, Vater, in diesen Büchern?“
Der König erwiderte: „Ich will herausfinden, wie der arme Tönu reich werden könnte.“
Da sagte die Tochter: „Lieber Vater, du bist genauso töricht wie der Tönu, das Glück der Menschen ist doch nicht in den Büchern; das muß der Mensch hier auf der Erde suchen, und wenn er selbst keins hat, so haben es vielleicht seine Frau und seine Kinder.“
Der König ärgerte sich sehr über die Worte der Tochter und sagte: „Wenn du so klug bist, dann sollst du die Frau des armen Tönu werden, und ich möchte sehen, ob er dann mehr Glück haben wird als zuvor. Du hast nun lange bei mir gelebt, aber ich werde dir nichts mitgeben, und du mußt ohne Aussteuer Tönu heiraten.“
Die Tochter mußte dem Befehl des Vaters folgen und wurde Tönus Frau.
Tönu war im Dienst eines reichen Mannes, dessen Schiffe in fremde Länder zum Warenaustausch fuhren. Tönu bat seinen Herrn, ihm mehr Lohn zu geben, aber dieser wollte nichts davon hören. Der arme Tönu mußte für den alten Lohn dienen; traurig ging er von seinem Herrn auf das Schiff, denn dort begannen die Vorbereitungen für die Fahrt ins Ausland. Bald war alles fertig, und als der Besitzer auf das Schiff kam, wurden die Anker gelichtet, und die Schiffe zogen wie Schwäne auf das weite Meer hinaus.
Eines Tages, als sie schon weit vom Ufer entfernt waren, blieb das Schiff plötzlich bei gutem Wind stehen und rührte sich nicht vom Fleck. Überall wurde der Fehler gesucht, doch umsonst, man fand nichts. Schließlich befahl der Besitzer den Matrosen, unter das Schiff zu tauchen und nachzusehen, was das Schiff festhalte. Die Matrosen fürchteten zu ertrinken und weigerten sich.
Der Besitzer wurde böse und sagte: „Ihr hofft alle in der Notzeit auf Tönu und wollt, daß er alles tut, obwohl er weniger Lohn erhält als ihr.“
Als keiner von ihnen ins Wasser gehen wollte, versprach der Herr, dem ein Schiff zu schenken, der es vom Grund frei bekäme.
Da sagte Tönu: „Ich gehe nach unten und befreie das Schiff.“
Bald kletterte er auch am Bug des Schiffes hinunter und sah zwei Männer im Wasser, die das Schiff festhielten.
Tönu schrie sie an: „Warum haltet ihr das Schiff fest, was habt ihr damit zu schaffen?“
Die Männer erwiderten: „Wir sind miteinander darüber in Streit geraten, was teurer ist, Eisen oder Kupfer; und weil wir das selbst nicht entscheiden konnten, haben wir das Schiff festgehalten, damit jemand herunterkomme und unseren Streit schlichte. Und da du nun gekommen bist, sage du uns, wer recht hat.“
Tönu überlegte nicht lange und sagte: „Ihr habt beide recht: Obwohl Kupfer teurer ist als Eisen, ist Eisen notwendiger als Kupfer, wie ihr es hier an den Schiffsseiten sehen könnt.“
Die Männer freuten sich sehr darüber, daß sie beide recht hatten, und sagten: „Da du das Urteil gesprochen hast, schenken wir dir einen Stein von der Größe eines Hühnereis; dieser Stein hat die Kraft, im Dunkeln zu leuchten.“
Tönu bedankte sich und kletterte wieder aufs Deck des Schiffes, und das Schiff segelte wie vordem weiter.
Der Herr erfüllte sein Versprechen und schenkte Tönu ein kleineres Schiff. Tönu ging auf dieses Schiff und war dort der Herr. Mit gutem Wind kamen sie in das fremde Land, wo die Waren ausgetauscht werden sollten. Die anderen vier tauschten ihre Waren aus, doch Tönu ruhte sich aus, als habe er nichts zu tauschen. Da kam der Kapitän, der gegangen war, die fremde Stadt zu besichtigen, auf das Schiff und weckte Tönu. Tönu sprang auf und ging direkten Weges zum König dieses Landes, zeigte ihm das Ei, das er zum Geschenk bekommen hatte, und erzählte, wie es ihm geschenkt wurde.
Der König betrachtete den Stein und sagte: „Dieser Stein ist viel wert, und wenn du ihn weggeben willst, so gebe ich dafür vierzig Millionen Rubel, und da du das Urteil so richtig gesprochen hast, schenke ich dir den Generalsrang, Kleider, einen goldenen Gürtel und ein Schwert.“
Tönu verkaufte den Stein dem König und wurde ein reicher und berühmter Mann. Jetzt befahl der König, die Waren vom Schiff zu holen und es mit Samt und Seide zu füllen. Und als das Schiff voll war, fuhr der arme Tönu im Wagen des Königs mit vier vorgespannten Pferden in den Hafen zum Schiff, wo ihn niemand kannte und er mit großen Ehren empfangen wurde. Tönu gab den Befehl, und das Schiff ging auf Fahrt.
Nach einigen Tagen gelangten sie glücklich nach Hause. In der Nähe des Hafens wurden vom Schiff aus Signale gegeben, daß sich auf dem Schiff ein hoher Befehlshaber befinde. Und bald donnerten die Kanonen in der Stadt zu Ehren des Generals. Und als der General Tönu an Land ging, erkannte ihn der König, nahm ihn zusammen mit seiner Tochter in seinen Wagen und fuhr mit ihnen ins Schloß.
Zu Hause sagte er zu seiner Tochter: „Jetzt sehe ich, daß es richtig war, was du mir gesagt hast.“
General Tönu blieb nun mit seiner Frau im Schloß wohnen. Als der König fühlte, daß der Tod ihm nahte, übergab er die Herrschaft seinem Schwiegersohn, der klug und ehrlich das Reich regierte.

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