Der Däumling

Es lebte einmal ein Mann mit seiner Frau, und die hatten keine Kinder. Als die Frau die Kinder des Nachbarn spielen sah, sagte sie: „Hätte ich doch nur ein Kind, und wenn es bloß so groß wäre wie der Daumen meines Mannes!“
Bald darauf gebar sie ein Kind, das sie sehr gut nährte und das dennoch nicht größer wurde als der Daumen des Mannes. Es hatte eine gute starke Stimme und war klug.
Einst war der Junge mit dem Vater im Walde. Der Vater hatte Holz geschlagen und sagte: „Wer holt mir das Pferd von zu Hause, das Holz heimzufahren?“
Der Sohn ging sofort nach Hause, um das Pferd zu holen.
Die Mutter spannte das Pferd vor den Wagen und sagte zum Sohn: „Wie willst du das Pferd lenken, du kannst ja die Zügel nicht in die Hand nehmen?“
Der Sohn setzte sich dem Pferd ins Ohr hinein und sang, wobei er das Pferd lenkte, bis sie zum Vater in den Wald kamen.
Dorthin kamen drei Männer, ihnen gefiel der Däumling, und sie wollten ihn dem Vater abkaufen. Der Vater war damit nicht einverstanden, der Sohn kletterte am Rockschoß des Vaters hoch zu seinem Ohr und flüsterte ihm zu, er solle ihn ver-kaufen; dann bekomme er Geld, und er selbst werde schon zurückkommen.
Als das Geschäft mit den Männern abgeschlossen war, sagte der eine: „Ich werde ihn unter den Rock stecken.“
Der Junge entgegnete: „Unter dem Rock ist es heiß.“
Der andere Mann wollte ihn in die Tasche stekken, da sagte der Junge wieder: „In der Tasche ist es dunkel. Nehmt mich auf den Hutrand.“
Der dritte nahm ihn dann auf seinen Hutrand, und sie gingen weiter. Sie waren schon eine Weile gegangen, da wollte der Däumling herunter, um sein Geschäft zu verrichten. Als der Mann ihn herunterließ, verschwand er sofort in einem Rattenloch; die Männer konnten nichts tun.
Der Däumling ging durch das Rattenloch in die Kammer eines Herrn. In der Nacht kamen Diebe, und der Däumling rief um Hilfe. Das Mädchen ging nachschauen, sah aber niemanden. Sie rief die anderen, die sahen auch nichts. Von dort geriet der Däumling in das Strohfutter, und eine Kuh verschluckte ihn.
Als das Mädchen kam, um der Kuh Futter zu bringen, schrie der Junge im Magen der Kuh: „Bring bloß kein Futter mehr, es ist schon genug!“
Das Mädchen lief in die Stube und erzählte es den anderen, die ihr das nicht glaubten und sagten: „Du bist verrückt geworden, zuerst hörst du Hilferufe, daß Diebe kommen, jetzt wieder soll die Kuh reden.“
Der Hausherr ging selbst nachschauen, der Junge schrie wieder dieselben Worte. Die Kuh wurde geschlachtet, und den Magen, in dem der Däumling steckte, brachte man in den Wald, wo ihn ein Wolf auffraß.
Aus seinem Magen heraus befahl er dem Wolf: „Geh in die Kammer meines Vaters, dort gibt es viele Speisen. Du kannst dich schön satt essen.“
Der Wolf tat es auch, kletterte durch ein kleines Fenster hinein und fraß sich dann den Bauch so voll, daß er dick wurde und nicht mehr hinausgelangen konnte. Der Vater des Jungen kam, tötete den Wolf, und der Däumling wurde zur Freude des Vaters frei. Der zog dem Wolf den Pelz ab und nähte aus dem Schwanzfell dem Däumling einen Pelz.
Der Däumling sagte von sich selbst: „Was habe ich nicht alles durchgemacht, ich war im Mauseloch, in der Kammer eines Herrn, im Kuhmagen und im Wolfsmagen.“
Zu guter Letzt starb er.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *


× 7 = vierzig neun

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>