Der goldene Vogel

Es lebten einmal drei Brüder, zwei waren klug, der dritte wurde für dumm gehalten.
Es war dort ein sehr großer Garten mit Apfelbäumen. Ein Vogel flog ständig in den Garten und fraß die Äpfel.
Der König kam in den Garten und sah, daß wieder viele Äpfel abgefressen waren. Der Garten brauchte einen Wächter. So sagte er zu seinen Söhnen: „Geht Wache halten!“
Zuerst ging der älteste Sohn. Sowie der goldene Vogel in den Garten kam, schlief er plötzlich ein.
Am Morgen ging er nach Hause, und der Vater fragte: „Hast du irgend jemanden gesehen?“
„Ich habe niemanden gesehen.“
In der nächsten Nacht ging der zweite Bruder auf Wache.
Es geschah dasselbe. Sowie der Vogel kam, schlief er ein. Der Vogel fraß die Äpfel auf und flog davon.
Am Morgen ging der Sohn nach Hause, und der Vater fragte: „Hast du irgend jemanden gesehen?“
„Ich habe niemanden kommen sehen.“
Doch die Äpfel waren gefressen.
Nun mußte der dumme Bruder wachen. Er ging hin und wachte die ganze Nacht. Er kletterte auf einen Apfelbaum und sah: Es kommt ein goldener Vogel und beginnt die Äpfel zu picken. Er greift ihn am Schwanz, doch der reißt sich los, und nur eine Feder bleibt in der Hand.
Er bringt die Feder nach Hause, um dem Vater zu zeigen, was für ein Vogel in den Garten kommt – ein goldener.
Der Vater sagte: „Der Vogel ist schön, doch ich weiß nicht, wie wir ihn fangen könnten. Ich würde gern solchen Vogel haben wollen.“
Dann fügte er hinzu: „Söhne, geht und sucht den Vogel! Wer ihn mir fängt, dem gebe ich das Königreich.“
Die älteren Söhne bekamen gute Pferde, der jüngste Sohn einen mageren Klepper. Sie ritten in verschiedene Richtungen davon.
Der jüngste Bruder kam in einen großen Wald. Dort zweigten drei Wege ab, und es gab dort eine Tafel mit solcher Aufschrift: Wer nach rechts geht, verliert das Pferd; wer nach links geht, verliert das eigene Leben; wer den mittleren Weg wählt, verliert beides.
Der Mann überlegte, welchen Weg er nehmen sollte. Er wählte den Weg, auf dem er das Pferd verlieren würde. Denn auch zu Fuß kann man weitergehen.
Nachdem er ein Stück Weges weitergeritten war, kam aus dem Walde ein großer grauer Wolf und fraß das Pferd auf. Der Mann ging zu Fuß weiter und wollte so weit gehen, wie ihn die Füße trugen.
Der Wolf kam wieder aus dem Walde heraus und sagte: „Mann, setz dich auf meinen Rücken, zu Fuß kommst du nicht weiter.“
Er setzte sich auf den Rücken des Wolfs. Da fragte der Wolf, wohin er laufen solle.
Der Mann antwortete: „Der Vater schickte uns aus, den goldenen Vogel zu suchen, und sagte, wer ihn finde, der bekomme das Königreich.“
Der Wolf wußte, wo sich der goldene Vogel befindet. Er brachte den Mann aus dem Walde hinaus und lief weiter, bis sie zu einem Königreich kamen. Dort befand sich der goldene Vogel.
Der Wolf führte den Mann zum goldenen Vogel, der in einem Käfig saß: „Nimm nicht den Käfig, sondern nur den Vogel: Wenn du den Käfig nimmst, so hört man es.“
Der Mann ging, den Vogel zu holen. Er sah, daß der Käfig sehr schön und aus Gold war. Wie sollte er ihn dalassen? Ei, dachte er, ich nehme beides. Da hörte man ihn und nahm ihn fest. Er wurde gefragt, warum er gekommen sei, den Vogel zu stehlen.
Der Mann berichtete, der Vater hätte es ihnen befohlen und dem das Königreich versprochen, der den Vogel finden würde.
Ihm wurde gesagt: „Du bekommst dann den Vogel, wenn du aus einem anderen Königreich das Pferd mit der goldenen Mähne und dem goldenen Schweif herbringst.“
Der Mann verließ den König und ging zum Wolf.
Der Wolf wartete draußen: „Nun, hast du ihn?“
Der Mann berichtete, daß er den Vogel nicht habe; er müsse erst aus einem anderen Königreich das Pferd mit der goldenen Mähne und dem goldenen Schweif hierherbringen.
„Ich habe dich doch gewarnt, warum hast du den Käfig genommen. Du solltest ihn nicht neh-men! Gehen wir, setz dich auf meinen Rücken, vielleicht können wir dieses Pferd herbeischaffen.“
Sie machten sich weiter auf den Weg, bis sie zu dem anderen König kamen.
„Nimm das Pferd hier aus dem Stall, aber laß das Zaumzeug da – nimm es ohne Zaumzeug. Sonst hört es der Besitzer.“
Der Mann ging das Pferd holen und sah: ein Pferd mit goldener Mähne und goldenem Schweif; und auch das Zaumzeug ist aus Gold. Er überlegte: Wie soll ich dieses goldene Pferd ohne Zaumzeug nehmen – ich nehme auch das Zaumzeug. Sowie er anfing das Zaumzeug loszubinden, hörte es der Besitzer.
Wieder wurde er festgenommen und gefragt, warum er hierher zum Stehlen gekommen sei.
„Ich brauche den goldenen Vogel; und dort wurde mir gesagt, daß sie mir den goldenen Vogel erst geben, wenn ich das goldene Pferd bringe.“
Da wurde ihm gesagt: „Geh und hole aus dem dritten Königreich die Königstochter mit dem goldenen Haar, dann geben wir dir das Pferd.“
Er ging wieder hinaus hinter den Zaun zum Wolf und erzählte ihm alles.
Der Wolf sagte: „Warum wolltest du es mit dem Zaumzeug nehmen? Ich habe dich doch gelehrt, es ohne Zaumzeug zu nehmen. – Nun, setz dich auf meinen Rücken, machen wir uns auf den Weg, vielleicht gelingt es uns.“
Sie setzen den Weg fort und kommen zum Garten eines Königs. Sie sehen: Im Garten spaziert die Königstochter mit den goldenen Haaren.
Der Wolf sagte: „Aus dir wird nichts. Ich gehe und versuche selbst sie zu holen.“
Der Wolf sprang über den Zaun, packte sich das Mädchen auf den Rücken und machte sich davon. Den dummen Bruder ließ er solange am Waldrand sitzen.
Er kam zum dummen Bruder zurück und nahm auch ihn auf den Rücken. Mit den beiden, dem dummen Bruder und dem Mädchen, auf dem Rükken machte sich der Wolf davon.
Er sagte: „Wenn du sie für dich zur Frau haben willst, dann überlasse ich sie dir. Ich will dann sehen, ob ich nicht auch das goldene Pferd werde holen können.“
Der dumme Bruder sagte: „Warum denn nicht, wer sollte es nicht wollen!“
Nun kamen sie zu dem König, der das Pferd mit der goldenen Mähne besaß.
Er sagte zum Mädchen: „Bleib hier sitzen, bis wir zurückkommen.“
Der Wolf verwandelte sich dann in das Mädchen und sagte zu dem jungen Mann, er solle ihn hinbringen.
Der Wolf erschien als das Mädchen mit dem goldenen Haar, und der dumme Bruder brachte es zum König und sagte: „Nun, ich bringe dir das Mädchen, gib du mir das Pferd!“
Er hatte jetzt das Pferd und das Mädchen, sie setzten sich beide auf den Rücken des Pferdes und ritten davon. Bald waren sie ein ganzes Stück weitergeritten.
Inzwischen sagte das Mädchen – der Wolf – zum König: „Es ist sehr langweilig, gehen wir im Garten spazieren.“
Der König ging mit ihm in den Garten. Dort sprang der Wolf über den Zaun und jagte in den Wald, den beiden nach.
Sie gingen so lange, bis sie zum dritten König kamen, der den goldenen Vogel hatte.
Der Wolf sagte zum dummen Bruder: „Wenn du das Pferd behalten willst, überlasse ich auch das Pferd dir. Ich verwandle mich in das Pferd, und du bringst mich hin.“
Er brachte die Königstochter und das Pferd an den Waldrand: „Bleibt hier, wir aber gehen, um den Vogel zu holen.“
Der Wolf verwandelte sich in das Pferd. Der dumme Bruder nahm es und ging mit ihm zum Herrn und sagte: „So, ich habe dir das Pferd gebracht, gib mir den Vogel!“
Er bekam den Vogel mit dem Käfig und ging. Er kam zum Mädchen und setzte sich mit ihm zusammen auf den Rücken des Pferdes, nahm den goldenen Vogel mit dem Käfig in die Hand und machte sich auf den Weg nach Hause.
Währenddessen ritt der Sohn des Königs auf seinem neuen Pferd aus. Das Pferd jagte davon – der Königssohn fiel von seinem Rücken herunter. Aus dem Pferd wurde ein Wolf, und dieser lief dem dummen Bruder hinterher. Er holte ihn auch ein.
Sie kamen zusammen zum Wald, wo der Wolf das Pferd zerrissen hatte. Da sagte der Wolf: „Weiter komme ich nicht mit, geht jetzt allein nach Hause.“
Und sie gingen. Nach einer Weile sagte der dumme Bruder, daß sie etwas ausruhen sollten. Das Pferd band er an einen Baum, den Vogel mit dem Käfig stellte er daneben, er selbst legte sich hin. Es kamen die anderen Brüder, die von der Suche nach dem Vogel zurückkehrten.
Sie ärgerten sich darüber, daß der junge Bruder den Vogel, das Pferd und die Frau mit dem goldenen Haar hatte: „Was machen wir mit ihm? Wir werden ihn töten!“
Sie erschlugen ihn, zerhackten ihn in Stücke und verstreuten die Stücke im Wald. Dann nahmen sie den goldenen Vogel, das Mädchen und das Pferd und ritten zu zweit nach Hause.
Sie brachten den Vogel zum Vater und sagten: „Schau, wir haben den Vogel gefunden!“
Das Pferd bekam der mittlere Sohn. Der älteste Bruder wollte das Mädchen zur Frau nehmen und bald Hochzeit halten.
Der Wolf kam zufällig an die Stelle, wo die Fleisch- und Knochenteile des dummen Bruders lagen. Die Krähen hatten schon das Fleisch abge-fressen.
Der Wolf erkannte ihn und gab den Krähen den Befehl: „Sammelt alle Knochen zusammen, soviel ihrer hier sind, sonst werde ich euch vernichten!“
Die Krähen sammelten alle Knochen auf. Der Wolf legte sie so zusammen, wie sie beim Menschen sind. Er befahl den Raben, das tote Wasser zu bringen. Die Raben brachten das Wasser. Er spritzte es auf die Knochen, und das Fleisch und die Knochen wuchsen zusammen. Es wurde ein schöner Toter.
Dann befahl er: „Geht und holt das lebendige Wasser!“
Sie gingen und holten das lebendige Wasser. Er bespritzte die Leiche mit dem lebendigen Wasser, und siehe – es kam Leben in den Mann.
Er setzte sich auf und sagte: „Oh, ich habe lange geschlafen!“
Der Wolf sagte: „Ja, du hast wohl lange geschlafen! Doch schau, wo ist der Vogel! Das Pferd! Die Frau! Du wurdest getötet, und auch deine Knochen wurden verstreut. Ich befahl den Krähen, die Knochen zusammenzusuchen, und die Raben brachten das tote Wasser und dann das lebendige Wasser; ich bespritzte dich., und du bist wieder zum Leben erwacht. Geh jetzt nach Hause, doch raste nirgends mehr.“
Die Braut war aber zu Hause stets schlechtgelaunt, denn sie wollte nicht den ältesten Bruder heiraten.
Die Trauung sollte gerade stattfinden. Sie stand schon am Tisch, als sie sah, daß der jüngste Bruder ins Zimmer trat.
Sie sprang über den Tisch, faßte ihn um den Hals und sagte: „Das ist mein Bräutigam, und ihn heirate ich! Der hat mich gebracht!“
Der dumme Bruder erzählte dem Vater, wie alles gewesen war: „Ich habe den Vogel, das Pferd und alles bekommen; sie aber haben mich erschlagen und auch meine Knochen verstreut. Doch der Wolf erweckte mich wieder zum Leben!“
Der Vater gab dem jüngsten Bruder das Recht, mit den älteren zu verfahren, wie er wolle. Er aber ließ sie ohne Strafe und ohne alles in die weite Welt hinausziehen.

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