Der Pilzkönig

Ein König hielt sich einmal im Walde zur Jagd auf, fand einen großen und schönen Pilz und wollte ihn nach Hause mitnehmen und braten.
Unter dem Pilz steckte ein spanngroßer Alter mit einem ellenlangen Bart und einem fadenlangen Stock in der Hand. Der König ließ den Pilz stehen, brachte den Alten nach Hause und schloß ihn im Keller ein. Er wollte ihn als ein Weltwunder den anderen Menschen zeigen.
Der kleine Sohn des Königs spielte auf dem Hof mit dem Ball. Dabei fiel der Ball durch ein Mauseloch in den Keller zu dem Alten.
Der Junge verlangte den Ball zurück, doch der Alte gab ihn nicht und sagte: „Laß mich hier heraus, dann gebe ich dir den Ball.“
„Die Kellertür ist verschlossen, und den Schlüssel hat die Mutter bei sich in der Tasche. Wie soll ich dich herauslassen?“ sagte der Königssohn und weinte wieder bitterlich um den Ball.
„Geh weinend ins Zimmer, daraufhin wird dich deine Mutter zu sich auf den Schoß nehmen, du ziehst ihr dann heimlich den Schlüssel aus der Tasche, kommst hierher und läßt mich heraus“, unterwies ihn der Alte.
Der Junge rannte dann auch weinend in die Stube. Die Mutter nahm ihn auf den Schoß, um ihn zu beruhigen, der Sohn aber stahl ihr den Schlüssel, ging nach einiger Zeit auf den Hof zurück und ließ den Alten aus dem Keller heraus.
Der Alte gab ihm den Ball und befahl ihm: „Jetzt geh ins Zimmer und fange nochmals zu weinen an, und wenn dich die Mutter auf den Schoß nimmt, dann steck ihr den Schlüssel wieder in die Tasche zurück. Aber hüte dich, irgend jemandem davon zu erzählen. Sollst du aber einmal im Leben in Not geraten, dann denk an mich! Ich bin der Pilzkönig.“
Mit diesen Worten verschwand der Alte.
Der Königssohn legte, wie ihm der Alte aufgetragen hatte, den Schlüssel in die Tasche der Mutter zurück und ging wieder Ball spielen.
Der König rief alle Könige und Großmächtigen der Umgebung zusammen und versprach, ihnen einen spanngroßen Alten als ein Weltwunder zu zeigen, der einen ellenlangen Bart am Mund und einen fadenlangen Stock in der Hand habe.
Die Gäste kamen zur angegebenen Zeit zusammen. Der König ging, um den Alten aus dem Keller zu holen – es war kein Alter mehr da! Die Gäste ärgerten sich über den König, daß er sie so genarrt hatte, und der König schämte sich, doch wo sollte er ihn hernehmen – was weg war, war weg!
Der Sohn erzählte niemandem etwas von der Sache, bis er ein Mann wurde. Dann bekannte er einmal, daß er den Alten freigelassen hatte, und meinte, daß der Vater ihm deshalb nicht mehr böse sein werde. Der König aber ärgerte sich sehr und wollte ihn nicht mehr zum Sohn haben. Er gab ihm nur ein Reitpferd und einen Obersten als Diener auf den Weg mit, jagte ihn aus dem Schloß und sagte ihm, er dürfe nie wieder zurückkehren.
Der Königssohn ritt einige Zeit, und beide verspürten großen Durst. Schließlich kamen sie an einen tiefen Brunnen, wo es wohl Wasser gab, aber kein Gefäß, mit dem man das Wasser hätte hochholen können. Um sich zu helfen, nahmen sie die Riemen und die Zügel der Pferde, knüpften sie aneinander und ließen sich daran hinunter zum Trinken in den Brunnen.
Zuerst ließ der Königssohn den Obersten hinunter, der stillte seinen Durst, kam herauf und ließ dann den Königssohn in den Brunnen hinab. Der Oberst war aber ein sehr schlechter Mensch, hatte Böses im Sinn und sagte zum Königssohn:
„Schwöre jetzt, daß du von nun an mein Diener bist und ich der Königssohn und daß du nie und nimmer sagst, du wärst der Königssohn, dann will ich dich herausholen, sonst aber lasse ich dich im Brunnen.“
In seiner Not wußte der Königssohn keinen anderen Rat und schwor. Der Oberst holte ihn heraus, zog die Kleider des Königssohns an und gab ihm seine Kleider, und ebenso wechselten sie die Pferde. Dann ritten sie weiter.
Nach einiger Zeit kamen sie in ein fremdes Reich, gingen zum König und boten diesem ihre Dienste an. Der König machte den falschen Königssohn zu seinem ersten Ratgeber, den richtigen Königssohn aber zu einem Feldherrn, was der Oberst auch früher war.
Der frühere Oberst ließ jedoch den richtigen Königssohn noch nicht in Ruhe, denn er fürchtete, daß sein Betrug irgendwie herauskommen würde, und er beklagte sich fortwährend über den anderen, dieser wäre so und so, niederträchtig und tauge nicht zu einem Diener des Königs oder gar zu einem Feldherrn – in der Hoffnung, daß der König ihn wegschicken werde.
Da aber der Königssohn ein sehr hübscher Mann war, jagte ihn der König nicht gerade fort, aber er setzte ihn ab und machte ihn zuerst zum Stallmeister und schließlich sogar zum Pferdehirten.
Es war an einem Feiertag. Der Königssohn weidete die Pferde, saß auf einem Stein, weinte bitterlich und beklagte sich:
„Oh, ich Unglücklicher! Weswegen mußte ich von meinem Vater verstoßen werden – nur wegen eines spannenlangen Alten! Und ich hätte zu Hause Königssohn sein können!“
Plötzlich kam der spannenlange Alte unter demselben Stein hervor und fragte, warum er weine.
„Wie sollte ich denn nicht weinen“, antwortete der Königssohn. „Weil ich dich damals aus dem Keller herausgelassen habe, jagte mich der Vater von zu Hause weg, und jetzt muß ich hier am heiligen Feiertag die Pferde hüten!“
„Weine nicht, komm zu meiner ältesten Tochter zu Besuch“, beruhigte ihn der Alte.
„Und wo lasse ich so lange die Pferde?“
„Hab keine Angst, sie gehen nirgends hin“, sagte der Alte und hob den Stein auf, unter dem eine große Treppe in die Erde hinabführte. Der Alte ging voraus und befahl dem Königssohn, ihm zu folgen.
Sie gingen zusammen hinunter und traten vor ein Kupferschloß. Ein wunderschönes Mädchen kam, nahm den Königssohn bei der Hand, führte ihn in die Stube und sagte:
„Ich danke dir sehr, daß du meinen Vater aus der Gefangenschaft errettet hast. Ich bin die älteste Tochter des Pilzkönigs. Warum bist du nicht früher gekommen, uns zu besuchen?“
Dann brachte sie ihm verschiedene gute Speisen, wie er sie zuletzt im Hause des Vaters gegessen hatte, und unterhielt ihn in so fröhlicher Weise, daß der Abend im Handumdrehen da war.
Beim Weggehen gab der Pilzkönig dem Königssohn eine kupferne Pfeife und sagte:
„Nimm sie zum Geschenk! Wenn du auf ihr pfeifst, wird vor dir sofort ein kupfernes Pferd stehen, und es werden kupferne Kleider da sein und ein kupfernes Schwert. Wenn du die Kleider anziehst, dich mit dem Schwert umgürtest und auf das kupferne Pferd steigst, kannst du gegen jeden Feind reiten.“
Die Tochter schenkte ihm eine Tischdecke und sagte:
„Nimm sie zur Erinnerung an mich. Wenn du die Tischdecke ausbreitest, wird sie gleich voll sein mit Speisen, und vier Musiker spielen dir, solange du ißt, schöne Weisen vor.“
Dann nahm sie den Königssohn bei der Hand und führte ihn an den Stein zum Ausgang. Die Pferde waren an Ort und Stelle, und der Königssohn trieb sie nach Hause. Die Pfeife und die Tischdecke legte er weg, benutzte sie gar nicht, wie man es ihm doch empfohlen hatte, und hielt sie für nicht weiter wertvoll.
Am nächsten Sonntag weinte er wieder wie früher auf dem Stein; er hatte die Geschenke des Pilzkönigs und den Besuch ganz vergessen und klagte:
„Oh, ich Unglücklicher! Weswegen mußte ich von meinem Vater verstoßen werden, nur wegen eines spanngroßen Alten! Zu Hause hätte ich Kö-nigssohn sein können!“
Plötzlich kam der Alte wieder unter dem Stein hervor und fragte, warum er weine.
„Wie sollte ich nicht weinen“, antwortete der Königssohn. „Deinetwegen hat mich der Vater fortgejagt, und jetzt muß ich am heiligen Sonntag die Pferde hüten!“
„Weine nicht, komm zu meiner mittleren Tochter zu Besuch!“
„Aber wo soll ich so lange die Pferde lassen?“
„Hab keine Angst, sie gehen nirgends hin“, sagte der Alte und hob, wie auch das erste Mal, den Stein auf und ging mit dem Königssohn die Treppe hinunter unter die Erde, bis sie zu einem Silberschloß kamen.
„Das ist das Schloß meiner mittleren Tochter“, sagte der Pilzkönig und hieß ihn hineingehen.
An der Schwelle trat ihm ein noch schöneres Mädchen entgegen als vorher, nahm die Hand des Königssohns und sagte:
„Ich danke dir sehr, daß du meinen Vater aus der Gefangenschaft befreit hast. Doch warum bist du nicht früher gekommen, uns zu besuchen? Ich bin die mittlere Tochter des Pilzkönigs.“
Dann wurden ihm verschiedene Speisen aufgetragen, solche, von denen er im Hause des Vaters wohl gehört, sie aber niemals gegessen hatte. Und er wurde so gut unterhalten, daß der Abend noch schneller herankam als das vergangene Mal im Schloß der älteren Schwester.
Beim Weggehen gab der Pilzkönig dem Königssohn eine silberne Pfeife und sagte: „Nimm sie zum Geschenk! Wenn du darauf pfeifst, wird vor dir sofort ein silbernes Pferd stehen, und es werden silberne Kleider da sein und ein silbernes Schwert. Wenn du diese Kleider anziehst, dich mit dem Schwert umgürtest und dich aufs Pferd setzt, kannst du gegen jeden Feind kämpfen.“
Die Tochter schenkte ihm eine Tischdecke und sagte:
„Nimm sie von mir zum Andenken. Und wenn du die Tischdecke ausbreitest, wird sie sofort voll sein mit Speisen, und zwölf Musiker spielen dir, solange du ißt, schöne Weisen vor.“
Dann nahm sie den Königssohn bei der Hand und führte ihn an den Stein zum Ausgang. Die Pferde standen alle brav an Ort und Stelle, und der Königssohn trieb sie nach Hause. Die geschenkten Sachen legte er weg, hielt aber nicht viel von ihnen.
Am dritten Sonntag weinte er wieder auf dem Stein und dachte weder an die Geschenke des Pilzkönigs noch an den Besuch. Er klagte immer noch nach alter Weise:
„Oh, ich Unglücklicher, weswegen muß ich jetzt Pferdehirt sein, nur wegen eines spanngroßen Alten! Er hätte im Keller bleiben und ich ein Königssohn sein können!“
Sofort war der spanngroße Alte wieder unter dem Stein hervorgekommen und fragte, warum er weine.
„Warum soll ich nicht weinen, ich muß deinetwegen am heiligen Sonntag Pferdehüter sein!“
„Weine nicht, komm zu meiner jüngsten Tochter zu Besuch“, sagte der Alte und brachte den Königssohn wieder zur Treppe unter dem Stein. Sie kamen zu einem goldenen Schloß.
„Das ist das Schloß meiner jüngsten Tochter, geh nur hinein“, sagte der Alte.
An der Schwelle kam ihnen ein Mädchen entgegen – das war schöner als die beiden vorherigen –, nahm den Königssohn bei der Hand und sagte:
„Ich danke dir, daß du meinen Vater gerettet hast und uns endlich einmal besuchen kommst. Ich bin die jüngste Tochter des Pilzkönigs.“
Dann wurden ihm verschiedene allerbeste Speisen gebracht, die er früher nie gesehen und von denen er nie gehört hatte, und er wurde auf so wunderbare Weise unterhalten, daß der Abend augenblicklich da war.
Beim Weggehen gab der Pilzkönig dem Königssohn eine goldene Pfeife und sagte:
„Nimm sie zum Geschenk! Wenn du darauf pfeifst, wird vor dir ein goldenes Pferd stehen, es werden goldene Kleider da sein und ein goldenes Schwert. Wenn du die Kleider anziehst und dich mit dem Schwert umgürtest und dich aufs Pferd setzt, kannst du jeden Feind besiegen.“
Die Tochter schenkte ihm eine Tischdecke und sagte:
„Nimm sie zur Erinnerung an mich! Wenn du die Tischdecke ausbreitest, wird sie sofort voll Speisen sein, und vierundzwanzig Musiker werden dir während des Essens schöne Weisen vorspielen.“
Dann nahm sie den Königssohn bei der Hand und führte ihn an den Stein zum Ausgang Die Pferde waren noch alle an Ort und Stelle, und der Königssohn trieb sie nach Hause. Die geschenkten Sachen legte er weg, hielt aber nicht viel von ihnen.
Einige Tage später kam aus dem See ein schrecklicher dreiköpfiger fliegender Drache heraus, verlangte die Königstochter zum Fressen und drohte, er werde, wenn man ihm die Königstochter nicht in drei Tagen zum See bringe, das ganze Königreich vernichten.
Die Königstochter weinte und zog Trauerkleider an; der König aber gab bekannt, daß derjenige, der seine Tochter erretten und den Drachen totschlagen werde, die Königstochter zur Frau und nach dem Tode des Königs auch das Königreich als Aussteuer bekommen solle. Dann brachte er die Tochter zum See und stellte sich mit seinem ganzen Heer daneben.
Der Königssohn sah beim Pferdehüten, daß das ganze Heer mit den Waffen zum See zog, und fragte einen Soldaten, wohin denn die Truppen gingen.
Der Soldat erzählte ihm, daß die Königstochter einem dreiköpfigen fliegenden Drachen zum Fraß gebracht werde, daß das Heer mit dem Drachen kämpfen solle und daß der König dem seine Tochter versprochen habe, der sie vom Drachen errette und den Drachen totschlage, und daß der Ret-ter nach dem Tode des Königs außerdem noch das Königreich bekommen solle.
Der Königssohn erinnerte sich der Geschenke, ging nach Hause, nahm die Kupferpfeife und pfiff.
Sofort stand vor ihm ein gesatteltes kupfernes Pferd, und auch die Kupferkleider und das Schwert lagen vor ihm. Schnell kleidete er sich an, umgürtete sich mit dem Schwert, sprang aufs Pferd und jagte zum Heer. Dort begrüßte er den König und bat um Erlaubnis, sein Glück versuchen zu dürfen, ob es ihm gelinge, den Drachen zu töten und die Tochter zu befreien. Der König erteilte ihm gern die Erlaubnis, und der Königssohn ritt zur Tochter, die allein am Seeufer saß und weinte, und sagte ihr, daß er sie retten wolle.
„Oh, lieber junger Mann“, sagte die Königstochter, „warum sollen wir beide ein Ende finden? Du wirst den Drachen doch nicht töten können. Schone lieber dein Leben und laß mich allein sterben.“
„Entweder beiden der Tod oder beiden das Leben, ich kehre nicht um“, sagte der Königssohn und zog das Schwert aus der Scheide.
Der Drache kam mit großem Getöse und Lärm aus dem See heraus und fragte den Königssohn: „Na, Königssohn, Hündchen, für wen willst du denn gegen mich kämpfen?“
„Für mich selbst und für die Königstochter“, antwortete der Königssohn mutig, schlug mit dem Kupferschwert die Köpfe des Drachen ab und tötete ihn. Dann nahm er die Köpfe und die Zungen, legte sie unter einen großen Stein und setzte den Stein wieder auf die alte Stelle zurück.
Danach ritt er zum König und rief:
„Der Drache ist erschlagen, die Tochter gerettet und meine Arbeit getan!“
Darauf ritt er in Windeseile davon. Wohl rief ihm der König hinterher und gab Befehle, ihn zurückzuhalten, doch der kupferne Mann verschwand wie der Wind. Von dem kupfernen Mann mit dem kupfernen Pferd wurde überall gesprochen, doch keiner wußte, wer er war.
Der Königssohn aber ging in den Pferdestall, legte sich schlafen und schlief drei Tage hintereinander. Die anderen überlegten wohl, warum er so lange schlafe, und gingen ihn auch wecken, doch er wachte und wachte nicht auf und ging erst am vierten Tag wieder die Pferde hüten.
Es vergingen einige Tage, und aus dem See kam wieder ein Drache heraus, diesmal aber ein sechsköpfiger. Er verlangte wieder die Königstochter zum Fraß und drohte, wenn ihm die Tochter nicht in drei Tagen zum See gebracht werde, das Königreich vollständig zu vernichten.
Die Königstochter weinte und zog Trauerkleider an. Der König aber gab bekannt, daß der kupferne Ritter, der die Tochter das erste Mal gerettet hatte, verschwunden sei und daß derjenige, der die Tochter vor dem sechsköpfigen Drachen rette und den Drachen töte, die Tochter und nach dem Tode des Königs auch das Königreich erhalten solle. Dann brachte er die Tochter zum See und blieb beim Heer, um zu wachen.
Der Königssohn hütete die Pferde und sah, daß das Heer mit den Waffen zum See zog; er fragte einen Soldaten, wohin es denn wieder ginge.
Der Soldat erzählte ihm, wie die Dinge standen und daß jetzt aus dem See ein sechsköpfiger Dra-che herausgekommen sei, daß ihm nun die Königstochter zum Fraß hingebracht werde, daß das Heer hinziehe, um mit dem Drachen zu kämpfen, und daß der König demjenigen seine Tochter versprochen habe, der sie vom Drachen errette und den Drachen totschlage. Nach seinem Tode habe er dem Retter auch das Königreich versprochen.
Der Königssohn lief schnell nach Hause, nahm die silberne Pfeife des Pilzkönigs und pfiff.
Sofort stand ein gesatteltes silbernes Pferd da; die silbernen Kleider und das silberne Schwert waren ebenfalls zur Stelle. Schnell kleidete er sich an, umgürtete sich mit dem Schwert, sprang aufs Pferd und jagte zum Heer. Dort begrüßte er den König und bat um Erlaubnis, sein Glück versuchen zu dürfen, ob es ihm gelinge, den Drachen zu töten und die Tochter zu retten. Der König erlaubte es gern, und der silberne Reiter ritt zum Seeufer, wo die Tochter allein saß und weinte, und er sagte, daß er sie retten wolle.
„Oh, lieber junger Mann“, sagte die Tochter, „weshalb sollen wir beide ein Ende finden? Den Drachen kannst du doch nicht töten. Schone lieber dein Leben und laß mich allein sterben.“
„Beiden der Tod oder beiden das Leben, ich gehe nicht zurück“, sagte der Königssohn und zog das Schwert aus der Scheide.
Der Drache kam gerade mit großem Lärm und Getöse aus dem See heraus und fragte: „Na, Königssohn, Hündchen, für wen willst du nun gegen mich kämpfen?“
„Für mich selbst und für die Königstochter“, entgegnete der Königssohn mutig und ging auf den Drachen los.
Es gelang ihm, drei Köpfe abzuschlagen, dann begann seine Kraft zu erlahmen. Schnell ritt er einige Schritte zurück, breitete die von der ältesten Königstochter geschenkte Tischdecke auf dem Rücken des Pferdes aus, und sie war sofort voller Speisen, und vier Musiker spielten schöne Weisen auf. Der Drache hielt still und hörte dem Spiel zu, und der Königssohn aß sich während dieser Zeit satt. Dann stürmte er mit neuer Kraft auf den Drachen los, schlug noch drei Köpfe ab und tötete den Drachen. Daraufhin legte er die Köpfe und die Zungen unter einen großen Stein und rollte den Stein darauf.
Dann ritt er zum König und sagte wieder:
„Der Drache ist getötet, die Tochter ist gerettet und meine Arbeit getan!“
Zugleich jagte er davon. Wohl befahl der König seinem Heer, ihn zurückzuhalten, und rief ihm auch selbst hinterher, doch der Ritter verschwand wie der Wind. Von dem silbernen Ritter und vom silbernen Pferd wurde überall gesprochen, doch niemand wußte, wer er war.
Der Königssohn ging aber nach Hause, legte sich im Pferdestall schlafen und schlief sechs Tage hintereinander. Wieder zerbrachen sich die anderen den Kopf und klagten auch dem König, daß der Pferdehirt so lange schlief. Der König ließ ihn auf jede Weise wecken, doch der Mann rührte sich nicht, und erst am siebenten Tag ging er wieder die Pferde hüten.
Danach kam aus dem See ein noch größerer und schrecklicherer zwölfköpfiger fliegender Drache heraus, verlangte die Königstochter zum Fraß und drohte, wenn man ihm die Königstochter nicht in drei Tagen zum Fraß an das Seeufer brin-ge, das ganze Königreich dem Erdboden gleichzumachen.
Die Königstochter weinte, zog Trauerkleider an, der König aber gab in der Umgebung bekannt, daß nun, da der kupferne und der silberne Ritter beide verschwunden waren, seine Tochter erneut einem Drachen zum Fraß gebracht werden solle. Wer aber die Tochter errette und den Drachen töte, solle die Tochter und nach dem Tod des Königs auch das Königreich erhalten. Die Königstochter wurde zum See gebracht, und der König blieb in ihrer Nähe mit seinem Heer, um zu wachen.
Der Königssohn hütete die Pferde, sah, daß das Heer wieder mit den Waffen zum See zog. Da fragte er einen Soldaten, was es denn heute gäbe.
Der Soldat erzählte, wie sich die Sache verhielt, daß aus dem See jetzt ein zwölfköpfiger fliegender Drache herausgekommen sei, daß die Königstochter zum dritten Male zum Fraß hingebracht werde und das Heer wieder hinziehe, um mit dem Drachen zu kämpfen. Der König habe demjenigen seine Tochter zur Frau und nach seinem Tode auch das Königreich versprochen, der sie vom Drachen befreie und den Drachen töte.
Der Königssohn lief nach Hause, nahm die goldene Pfeife und pfiff. Sofort waren ein gesatteltes goldenes Pferd, goldene Kleider und ein goldenes Schwert da. Schnell zog er die goldenen Kleider an, umgürtete sich mit dem goldenen Schwert, sprang auf den Rücken des goldenen Pferdes und jagte zum Heer. Dort begrüßte er den König und bat um Erlaubnis, sein Glück versuchen zu dürfen, ob es ihm gelinge, seine Tochter zu retten und den Drachen zu erschlagen. Der König gab gern die Erlaubnis. Da ritt der Königssohn zur Tochter, die weinend am Seeufer saß, und sagte ihr, daß er sie retten wolle.
„Oh, lieber junger Mann“, sagte die Königstochter, „warum sollen wir unnütz beide unser Ende finden? Diesen schrecklichen Drachen wirst du nicht töten können. Schone lieber dein Leben und laß mich allein ihm als Fraß zufallen!“
„Beiden der Tod oder beiden das Leben, ich gehe nicht zurück“, sagte der goldene Ritter und zog sein Schwert heraus.
Da kam auch der Drache mit schrecklichem Getöse und mit Schnauben aus dem See heraus und fragte: „Na, Königssohn, Hündchen, für wen willst du denn so tapfer gegen mich kämpfen?“
„Für mich selbst und für die Königstochter“, sagte der Königssohn und stürmte gegen den Drachen.
Bald hatte er dem Drachen drei Köpfe abgeschlagen, doch da wollten die Kräfte nachlassen. Schnell ritt er etwas zur Seite, breitete die von der mittleren Tochter des Pilzkönigs geschenkte Tischdecke auf dem Rücken des Pferdes aus, und sie war sofort mit verschiedenen Speisen bedeckt, und zwölf Musiker spielten so schöne Weisen, daß man nur zuhören konnte. Der Drache hörte auch dem Spiel zu, und der Königssohn aß sich während der Zeit satt. Dann jagte er mit neuer Kraft gegen den Drachen und schlug ihm noch drei Köpfe ab. Doch dem Drachen gelang es, den Kö-nigssohn etwas zu kratzen, und er kratzte ihm die Hand blutig. Schnell ließ der Königssohn die Musiker spielen und jagte selbst zu der Königstochter. Sie stillte ihm mit ihrem Taschentuch das Blut, und da ritt der Königssohn in den Kampf und schlug dem Drachen alle Köpfe ab.
Daraufhin vergrub er die Köpfe und die Zungen wieder unter einem Stein, ritt zum König und rief:
„Der Drache ist getötet, die Tochter ist errettet und meine Arbeit getan!“ und jagte wieder davon.
Wohl rief ihm der König hinterher, wohl liefen ihm die Soldaten nach, doch der goldene Ritter verschwand wie der Wind. Es wurde überall von dem tapferen goldenen Ritter gesprochen, und er wurde viel bewundert, doch wer er war, woher er kam und wohin er verschwand, wußte niemand.
Der goldene Ritter oder der Königssohn ging aber in den Pferdestall und schlief dort zwölf Tage hintereinander.
Die Königstochter war jetzt endgültig gerettet, der Retter jedoch war nirgends zu finden. Auf den Befehl des Königs wurde er überall gesucht, doch der goldene Ritter blieb verschwunden.
Der falsche Königssohn aber lockte die Soldaten auf seine Seite und sagte, daß er der Retter der Königstochter gewesen sei. Der König glaubte auch daran, dachte schon an den Hochzeitstag und befahl der Tochter, sich an einem bestimmten Tag zur Hochzeit vorzubereiten; der Retter sei gefunden.
Unterdessen gelang es nicht, mit dem richtigen Königssohn fertig zu werden, es wurde dem König wieder geklagt, daß der Pferdehirt schon mehrere Tage hintereinander wie ein Sack schlafe. Der König ließ ihn auf jede Weise wecken, doch er wachte erst am dreizehnten Tag auf, ging dann in den Garten, breitete dort die von der jüngsten Tochter des Pilzkönigs geschenkte Tischdecke aus, machte sich ans Essen, und vierundzwanzig Musiker spielten ihm auf.
Es war gerade am Tag vor der Hochzeit. Die Königstochter ging im Garten spazieren und weinte dort, daß sie jetzt gegen ihren Willen den heiraten sollte, der nicht ihr Retter war. Da hörte sie das Spiel, ging näher und sah, daß der Pferdehirt auf einer Tischdecke allerhand teure Speisen ausgebreitet hatte und ihm vierundzwanzig Musiker vorspielten.
Schnell ging sie zum Vater und sagte, daß der wirkliche Retter im Garten esse und daß ihm vierundzwanzig Musiker zum Mahle spielten.
Der König ging hin und sah, daß es niemand anderes war als der Pferdehirt, und er fragte ihn, ob er einen Beweis habe, daß er der Retter der Königstochter sei.
Der Königssohn pfiff auf seiner goldenen Pfeife, und ein goldenes Pferd, goldene Kleider und ein goldenes Schwert waren da. Sofort zog er die goldenen Kleider an, umgürtete sich mit dem goldenen Schwert, setzte sich auf das goldene Pferd und sagte:
„Nun, bin ich nicht derselbe goldene Ritter? Aber wenn diese Beweise noch nicht genügen, dann kann ich die Köpfe und die Zungen der Drachen zeigen, die bestätigen, daß ich auch der Kupfer- und der Silberritter war und alle drei Drachen getötet habe. Laß aber jetzt auch den, der sich an meiner Stelle für den Retter der Tochter ausgibt, irgendeinen Beweis vorbringen.“
Der falsche Königssohn hatte keine Beweise. Der Goldritter aber ging mit dem König zum Seeufer und nahm die Köpfe und die Zungen der Drachen unter dem Stein hervor.
Dann erzählte er dem König alles, daß der, der sich Königssohn nennt, überhaupt kein Königssohn ist, sondern er, und auch weshalb ihn der Vater davongejagt habe, wie ihn der Oberst zu schwören zwang und wie er die Pferde und die Kleider hatte austauschen müssen.
Der König ärgerte sich sehr und ließ den falschen Königssohn für seine böse Tat und seine Lügen in einen tiefen Brunnen werfen, den richtigen Königssohn aber nahm er sofort zum Schwiegersohn und zum Erben des Reiches. Schließlich söhnte sich der Königssohn auch mit seinem Vater aus, so daß beide Reiche ihm gehörten.

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