Die Frau der Schlange

In alten Zeiten hatte ein Ehepaar drei Töchter. Die Mutter wollte ihre hübschen Töchter recht bald verheiraten und ging zu einem Weisen, um zu erfahren, wann und wie ihre drei Töchter heiraten würden.
Der Weise sagte: „Deine älteren Töchter werden etwas später heiraten, doch die Jüngste heiratet recht bald – eine Schlange.“
Die Mutter der Töchter wurde auf den Weisen so böse, daß sie ihm für seine Voraussage nicht einmal ein Stück Schweinespeck gab, sie ärgerte sich auch über sich selbst, daß sie überhaupt zu einem solchen „Hexer“ gegangen war.
Eines Tages gingen die drei Mädchen zum See baden, und während sie badeten, hatte sich auf den Kleidern der Jüngsten eine Schlange zusammengerollt; sie zischte dem Mädchen zu: „Ich gehe nicht eher von deinen Kleidern herunter, als bis du mir versprochen hast, meine Frau zu werden.“
Was sollte das arme Mädchen tun – es mußte das Versprechen geben, denn wo sollte es nackt hingehen? Die anderen Schwestern zogen sich an und gingen nach Hause, während die Jüngste noch im Wasser wartete. Notgedrungen versprach sie der Schlange, sie zu heiraten, woraufhin die Schlange von den Kleidern herunterkroch und in einem Loch verschwand.
Am dritten Tag, als alle anderen aus dem Hause gegangen waren und das jüngste Mädchen allein geblieben war, kam die Schlange, um die Braut zu holen. Sie nahm das Mädchen bei der Hand, und das Mädchen mußte mitgehen.
Sie lebte mit der Schlange ein Jahr in ihrem Haus und hatte mit ihr eine Tochter, die noch schöner war als die Mutter. Die Schlange hatte unter der Erde ein schönes Haus, in dem sie zu einem schönen jungen Mann wurde, wenn sie die Schlangenhaut abwarf.
Das Mädchen lebte mit ihm das zweite Jahr und bekam eine zweite Tochter, auch sehr hübsch.
Es verging das dritte Jahr, und sie hatten eine dritte Tochter.
Alle Töchter waren hübsch wie rotbäckige Äpfel, klug und verständig.
Die Töchter begannen die Mutter auszufragen: „Alle gehen ihre Großeltern besuchen, wir aber gehen nirgends hin – haben wir denn keine Großeltern, die wir besuchen könnten?“
Die Mutter sagte: „Töchterchen, auch ihr habt Großeltern, aber ihr könnt sie niemals besuchen. Auch ich kann niemals mehr dahin zurückgehen, von wo ich hierhergebracht wurde.“
Bei diesen Worten kamen der Mutter die Trä-nen, und auch die Kinder begannen zu weinen, sie wußten selbst nicht warum.
So manches Mal führten jetzt die Mutter und die Töchter solche Gespräche, wobei die Mutter den Kindern schon ausführlicher erzählte, daß es oben auf der Erde, wo ihre Großeltern wohnen, auch sehr schön sei.
Seitdem quälten die Töchter die Mutter ständig mit ihrer Bitte: „Mütterchen, bitte doch den Vater, uns zu erlauben, auf die Erdoberfläche zu gehen und unsere Großeltern zu besuchen.“
Als die Schlange nach Hause kam, trug die Frau ihr die Bitte der Kinder vor und bat auch ihrerseits: „Erlaube mir doch, lieber Mann, einmal meine Heimat zu besuchen; es sind schon neun Jahre vergangen, seit ich von zu Hause weggebracht wurde. Es tut mir auch sehr leid, daß ich meine Eltern so lange nicht gesehen habe!“
Die Schlange erlaubte es. Sofort wurden alle Vorbereitungen getroffen, und die Schlange begleitete sie über das Meer: Sie nahm alle vier auf den Rücken und schwamm nach Schlangenart übers Meer.
Sowie sie ans Land kamen, trug der Mann seiner Frau auf:
„Wenn du vom Besuch zurückkommst und ans Meeresufer gelangst, dann singe folgendes Lied:
Schlange, Liebste,
Setze Segel, schick das Schiff aus,
Das übers Meer uns bringt
In meines Liebsten Haus.
Dann komme ich hierher und bringe euch ebenso nach Hause zurück, wie ich euch hierhergebracht habe.“
Auf dem Wege zu den Großeltern ermahnte die Mutter ihre Töchter ganz eindringlich, dem Großvater und der Großmutter, auch wenn sie es verlangten, nichts von ihrem Leben und ihrem Vater zu erzählen.
„Wenn euch die Großeltern oder irgend jemand sonst fragen sollte, dann antwortet: Wir leben ebenso wie alle anderen hier und haben auch einen Vater wie alle anderen.“
Vater und Mutter freuten sich sehr, ihre Tochter nach neun Jahren gesund und munter wiederzusehen. Sie hatten sie schon längst für tot gehalten.
Auf die Fragen des Vaters und der Mutter, wo und wie sie lebe, erwiderte die Tochter: „Ich lebte die ganze Zeit bei meinem Mann, doch wo ich lebe, dahin könnt ihr nicht kommen.“
Der Großvater nahm die älteste Enkelin auf den Arm, ging mit ihr hinaus, streichelte sie und fragte: „Töchterchen, sag mir, wie ist euer Leben, und wie ist euer Vater?“
Das Mädchen antwortete: „Großväterchen, wir leben ebenso wie alle anderen hier und haben auch einen Vater wie alle anderen.“
Der Großvater nahm das mittlere Enkelkind auf den Arm, streichelte es und fragte: „Töchterchen, sag mir, wie ist euer Leben, und wie ist euer Vater?“
Das Kind antwortete: „Großväterchen, wir leben ebenso wie alle anderen.“
Der Großvater nahm das jüngste und einfältigste Enkelkind auf den Arm, brachte es hinaus, streichelte es und fragte: „Töchterchen, sag mir, wie ist euer Leben, und wie ist euer Vater?“
Da schlang das Mädchen ihre Ärmchen fest um den Hals des Großvaters und begann zu erzählen:
„Großväterchen, wir wohnen in einem schönen Haus, zu essen und zu trinken haben wir genug, doch unser Vater ist nicht so wie die Väter der anderen. Unser Vater ist eine große Schlange. Wenn er von seinen Wanderungen nach Hause kommt, dann holpert und poltert er über die Dielen, daß alle Schüsseln und Löffel klirren. Unser Haus befindet sich sehr tief unter der Erde, von wo unser Vater uns ans Meer nach oben gebracht hat. Dann setzte er uns alle vier auf seinen Rükken und brachte uns viele, viele Meilen übers Meer in dieses Land. Hier setzte er uns ans Ufer und lehrte die Mutter singen:
Schlange, Liebste,
Setze Segel, schick das Schiff aus,
Das übers Meer uns bringt
In meines Liebsten Haus.
Auf dieses Lied hin versprach er, hierher ans Ufer zu kommen und uns wieder auf seinem Rücken zurück nach Hause zu bringen.“
Der alte Mann wurde zornig, als er hörte, daß sich eine Schlange seine Tochter zur Frau erschlichen hatte.
Am nächsten Tag lud er seine Flinte mit einer Silberkugel, ging ans Meer und sang:
„Schlange Liebste,
Setze Segel, schick das Schiff aus,
Das übers Meer uns bringt
In meines Liebsten Haus.“
Daraufhin versteckte er sich hinter einem Strauch und wartete. Es dauerte nicht lange, da kam eine große Schlange, die ihren Kopf über dem Wasser hielt und zum Ufer schwamm.
Der alte Mann zielte genau auf ihren Kopf, ein Knall – und von der großen Schlange blieb nur noch eine blaue matschige Masse übrig, die von den Meereswellen weggespült wurde.
Nach einigen Wochen machte sich die Tochter mit ihren Kindern auf den Heimweg. Als sie ans Meer kam, blieb sie am Ufer stehen und sang:
„Schlange, Liebste,
Setze Segel, schick das Schiff aus,
Das übers Meer uns bringt
In meines Liebsten Haus.“
Sie sang und wartete dann – es war nichts zu sehen und nichts zu hören.
Sie sang zum zweiten Male – auch nichts. Alles blieb still.
Sie sang zum dritten Male – und es änderte sich nichts.
Da begriff die Frau, daß Heimtücke am Werke war. Sie fing an die Töchter zu befragen: „Habt ihr nicht jemandem von unserem Vater erzählt?“
Die älteste Tochter verteidigte sich: „Ich habe nichts gesagt; der Großvater hat mich wohl auf den Arm genommen, hinausgebracht und sehr darum gebeten.“
Die mittlere Tochter rechtfertigte sich ebenso.
Die jüngste Tochter sagte: „Der Großvater hat mich auf den Arm genommen, hat mich hinaus-gebracht, mich gestreichelt und verlangt, daß ich ihm alles erzähle. Da habe ich ihm denn erzählt, wo wir wohnen und wie unser Vater ist.“
Nun fing die Frau bitterlich zu weinen an und ihren Mann zu beklagen, bis sie sich am Meeres-ufer in eine schöne Birke verwandelte. Die älteste Tochter legte sie um sich als schwarze Rinde, die mittlere als Birkenrinde darüber, und die jüngste Tochter als die Schuldige setzte sie als ein zit-terndes Hälmchen auf die weiße Birkenrinde drauf.
Und dort sind sie auch heute noch.

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