Die Goldspinnerin

Es geschah einmal, daß sich ein König und ein Bauer zu einem Gespräch zusammenfanden. Anfangs wußte der Bauer nicht, daß sein Gesprächspartner ein König ist, und deshalb redet er mit ihm wie mit seinesgleichen.
Sie hatten schon eine ganze Weile miteinander gesprochen, wobei jeder von ihnen seine eigenen Kenntnisse sowie die Treue und den Verstand seiner Diener gelobt hatte, bis schließlich der Bauer sagte:
„Ich habe auch eine sehr kluge Tochter, die eine ausgezeichnete Arbeiterin ist. Sie kann sogar aus dem Stroh, das hier draußen herumliegt, Gold machen.“
Nachdem alles gesagt war, gingen beide nach Hause, und der Bauer dachte nicht mehr daran, was er gesprochen hatte.
Sobald aber der König nach Hause gekommen war, befahl er, die Tochter dieses Mannes herzubringen, setzte sie in ein leeres Haus und sagte:
„Hier in diesem Haus ist ein gutes Spinnrad. Dein Vater hat geprahlt, du wärest eine so feine Spinnerin, daß du in kurzer Zeit Stroh zu Gold spinnen könntest. Hier sind zwei Häuser voll Stroh, spinne es zu Gold, sonst kommst du im gu-ten hier nicht davon.“
Das Mädchen weinte laut und sagte, daß ihr Vater leeres Zeug geredet habe. Doch es half alles nichts, der König gab noch einmal den Befehl, und die Arbeit mußte getan werden. Das Mädchen weinte bis zur Mitternacht.
Die Uhr schlug zwölf, als plötzlich ein grauer alter Mann hereintrat und das Mädchen nach dem Grund ihrer Traurigkeit fragte: „Warum weinst du, junges Mädchen?“
„Warum soll ich denn nicht weinen“, sagte das Mädchen, „der König hat mir zwei Häuser voll Stroh gegeben, und ich soll sie zu Gold spinnen. Ich aber habe von einer solchen Arbeit noch nie etwas gehört, geschweige denn sie getan! Jetzt ist mein Leben zu Ende!“
Der graue Alte sah sich einmal um und fragte: „Was gibst du mir, wenn ich dieses Stroh zu Gold mache? Dann bist du gerettet.“
Das Mädchen antwortete dem Alten: „Ich habe nichts, dir zu geben.“
Der graue Alte sah sich wieder um und sagte: „Gib mir deine Schürze.“
Das Mädchen gab ihm seine Schürze. Nun machte der graue Alte das ganze vorhandene Stroh zu Gold. Der König ließ am Morgen nachsehen – und siehe da, das Stroh war zu Gold gesponnen.
„Ohoo!“ sagte der König. „Dieser Bauer hatte recht. In seinem Hause ist noch viel Schlauheit.“
Er befahl dem Mädchen, am nächsten Tag vier Häuser voll Stroh zu Gold zu spinnen, und sagte: „Wenn es nicht gesponnen wird, ist dein Leben zu Ende.“
Das Mädchen weinte wieder bitterlich. Als der graue Alte das hörte, kam er erneut hinein und fragte: „Warum weinst du wieder?“
Das Mädchen sagte, man habe ihr vier Häuser voll Stroh gegeben, um es zu Gold zu spinnen, doch sie könne es nicht.
Der graue Alte fragte: „Was gibst du mir dafür, wenn ich dir helfe?“
„Was kann ich Arme dir geben“, sagte das Mädchen, „du siehst ja, daß ich nichts habe.“
Der graue Alte schaute sich um und sagte: „Gib mir das Seidentuch, das du um den Hals trägst.“
Das Mädchen reichte es ihm hin. Plötzlich gab es einen großen Lärm, und das Stroh war zu Gold gesponnen.
Der König kam am nächsten Tage wieder und fand das Gold fertig.
Schließlich sagte er zum Mädchen: „Mache mir jetzt sechs Häuser voll Stroh zu Gold, dann lasse ich dich in Ruhe.“
Das Mädchen begann laut zu weinen, doch es half ihr nichts. Schließlich kam wieder der graue Alte zu ihr und sagte: „Ich helfe dir noch dieses Mal, wenn du mir versprichst, daß ich später das bekomme, was ich von dir verlange.“
„Ich habe doch nichts, du weißt es“, sagte das Mädchen.
„Du wirst später heiraten, und wenn du das erste Kind bekommst, dann gibst du es mir. Ich will es aber erst, wenn es sieben Jahre alt ist.“
Danach machte der Alte auch dieses Stroh zu Gold und ging.
Nach einiger Zeit heiratete das Mädchen den Diener eines großen Königs, und ein Jahr später gebar sie ihm einen Sohn.
Als der Junge sieben Jahre alt wurde, kam der Alte, ihn zu holen, und sagte: „Jetzt ist die Zeit gekommen, wo du dein Versprechen einlösen mußt, sonst geschieht dir ein noch größeres Unglück.“
Die junge Frau erschrak sehr darüber, daß ihr einziger Sohn weggebracht werden sollte, sie flehte und bat, daß der alte Graukopf, der ihr schon so viel Gutes getan und sich ihrer erbarmt habe, auch dieses Mal mit ihr Mitleid haben und etwas anderes anstelle des Kindes annehmen möge.
Der graue Alte hatte ein weiches Herz, er hörte sich eine Weile die Klagen und die Not der jungen Frau an.
Schließlich sagte er: „Ich sehe und ich empfinde die Not dieses Kindes, und ich möchte dir die Trauer erleichtern. Wenn jemand von euch zu sa-gen weiß, wie ich heiße, dann sollst du das Kind behalten.“
Der Alte ging für dieses Mal weg, doch die Männer gaben acht, in welche Richtung er ging. Sowie er am Waldrand angelangt war, verschwand er unter der Erde in einem Loch.
Am Rande des Loches sprang er noch von einem Bein auf das andere und sang:
„Sie kennen meinen Namen nicht, Und wenn sie ihn auch kennen,
So behalten sie ihn nicht.
Mein Name, der ist Ruuben Tirts.“
Die junge Frau und alle anderen begannen jetzt Namen auszudenken, die sie dem grauen Alten aufzählen könnten, wenn er wiederkäme.
Am nächsten Tag kam der Alte zurück, und die junge Frau zählte ihm einige Namen auf und sagte schließlich: „Wenn du nicht anders heißt, so heißt du Ruuben Tirts.“
Der graue Alte erschrak sehr, als er das hörte, verschwand plötzlich und kam nie wieder zurück.

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