„Sesam, Sesam, öffne dich!“

In guten alten Zeiten lebten zwei Brüder: Der eine war ein Bauer und reich – allein an Milchkühen hatte er neun Stück –, der andere war arm und lebte bei dem reichen Bruder in einer Kate. Als Milchspender diente ihm eine einzige Kuh.
Eines Abends ging der arme Bruder einen Weg entlang und hörte auf einmal großen Lärm und Wagengerassel entgegenkommen. Da bekam er große Angst, sprang über den Graben und kletterte auf eine in der Nähe des Weges wachsende Birke. Nach einiger Zeit erschien eine große Kutsche mit schönen Pferden davor und vielen Herren darinnen.
Neben der Birke sagten die Herren: „Sesam, Sesam, öffne dich!“
Sofort öffnete sich ein Loch, durch das die Herren hineingingen. Vor dem ersten Hahnenschrei fuhren sie alle wieder davon.
Der arme Bruder kam nun von der Birke herunter, ging zu der Stelle, wo die Herren hineingegangen waren, und sagte auch: „Sesam, Sesam, öffne dich!“
Sofort öffnete sich eine Tür, und er ging in eine geräumige Höhle hinein, wo große Haufen Goldtaler und die Reste eines Festmahles herumlagen. Nun füllte er sich die Taschen mit Geld; schließlich nahm er noch den Rock ab und füllte auch ihn mit so viel Geld, wie er nur tragen konnte. Zu Hause wollte er wissen, wieviel es sei, und schickte seine Frau zu dem reichen Bruder nach einem Scheffel.
Dieser sagte zu seiner Frau: „Sonderbar, bisher hatte er gar nichts, um es mit einem Litermaß zu messen, jetzt mißt er schon mit einem Scheffel; schmiere den Boden des Scheffels mit etwas Fett ein, dann werden wir sehen, was er mißt.“
Wie gesagt, so getan.
Der arme Bruder maß das Geld und wußte nicht, daß der Boden des Scheffels fettig war. Er brachte den Scheffel zurück, doch zusammen damit auf dem fettigen Scheffelboden auch ein Goldstück. Der reiche Bruder fand das Geld und kam sofort, um von dem armen Bruder zu erforschen, woher er so viel Geld habe, daß er es mit einem Scheffel messe.
Der arme Bruder war nicht neidisch und führte den Bruder ebenfalls dorthin, damit er Geld bekomme. Der reiche Bruder ging auch in die Höhle, als er aber mit seiner Geldlast wieder hinausgehen wollte, hatte er die Worte, die ihn der Bruder gelehrt hatte, vergessen und konnte nicht mehr hinaus.
Am Abend kamen die Höhlenherren, nahmen den reichen Bruder wie in einer Mausefalle fest und zerstückelten ihn.
Am nächsten Tag kam der arme Bruder und sah, was geschehen war.
Er nahm seinen Bruder und steckte ihn in einen Sack. Mit dem Sack brachte er ihn zu einem Schneider, der die Stücke zusammennähte und Leben hineinblies, und der reiche Bruder lebte wieder.
Der arme Bruder schlachtete daraufhin seine Kuh und brachte das Fell in die Stadt. In der Stadt kaufte ihm ein Herr das Fell ab und gab ihm ein Fell voll Geld dafür. Daraufhin schlachtete der reiche Bruder alle seine Kühe, um ebensoviel Geld zu bekommen, doch keiner wollte die Felle kaufen.
So blieb er denn sein Leben lang arm, und aus dem armen wurde ein sehr reicher Mann. Und wenn er nicht gestorben ist, so lebt er auch jetzt noch sein reiches Leben weiter.

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