Vom Schlangenkönig

In alten Zeiten fuhr ein Herr in seiner Kutsche einen weiten Weg entlang.
Im Walde, am Rande des Weges, war eine Schlangenfamilie zusammengekommen. Inmitten der Schlangen erhob sich eine größere Schlange, deren ganzer Körper von einer dunkelbraunen Haut bedeckt war. Sie hielt den Kopf über die anderen Schlangen erhoben.
Auf dem Kopf hatte sie einen roten Kamm, wie ihn die Hähne haben. Das war der Schlangenkönig, und der rote Kamm war seine Krone. Die niedrigeren Schlangen waren alle um ihren König herum am Boden ausgestreckt. Alle lagen sie mit dem Kopf zum König und mit dem Schwanz nach außen; das war eine Beratung, eine Konferenz der Schlangen. Die Schlangen kamen dann zu einer Beratung zusammen, wenn sie von ihrem König Befehle erwarteten, die ihr Leben verbessern konnten.
Als der Herr nach Hause kam, rief er den Kutscher zu sich und sagte: „Geh und hole mir den Kamm der Schlange, die wir dort am Wegrand im Walde gesehen haben. Ich werde dich dafür gut entlohnen. Wenn du die Schlangenkrone hast und sie nach Hause bringst, koche sie so, daß sie da-bei nicht zerfällt. Paß gut auf! Merke dir auch, daß du selbst während des Kochens kein Stückchen von dem Kamm essen darfst, auch von der Brühe darfst du nicht kosten.“
Der Kutscher, ein langjähriger Diener des alten Herrn, versprach, alles zu tun, was ihm der Herr aufgetragen hatte.
Da sagte der Herr zum Kutscher: „Nimm das schnellste Pferd aus dem Stall und geh!“
Der Kutscher holte aus dem Stall das schnellste Pferd heraus, setzte sich auf seinen Rücken, nahm auch ein langes Schwert zur Hand, schlug dem Pferd mit den Fersen in die Seiten und war wie der Wind verschwunden. Wie der Blitz ritt der Kutscher in den Kreis der Schlangen und schlug dem Schlangenkönig die Krone mit dem Schwert vom Kopf. Das Schwert hielt er mit der einen Hand erhoben, mit der anderen Hand lenkte er das Pferd und jagte mit Windeseile zurück. Die Schlangen schnellten alle empor und fingen an hinterherzuhüpfen, um den Raub der Krone ihres teuren Königs mit des Kutschers Tod zu rächen.
Der Kutscher war schon ein Stück Weges von der Unglücksstelle entfernt, als er zurückschaute. O Schreck und Unglück! Die Schlangen folgten schon alle dem Pferde nach und flogen wie die Bogen unter dem Himmel Pferd und Mann hinterher. Wenn die Kraft der Schlangen zu erlahmen begann, streckten sie sich aus und ließen sich auf die Erde hinunter. Auf der Erde drehten sie sich wieder zusammen und schnellten erneut himmelwärts, um wie im Vogelflug dem Kutscher hinterherzueilen. Den Kutscher erfaßte die Todesangst, als einige Schlangen sich schon vor dem Pferde niederwarfen und andere auf den Rücken des Pferdes und auf den Kopf des Mannes herunterregneten, um das Pferd und den Mann festzuhalten. O Schreck, für mich gibt’s keine Rettung mehr, dachte der Kutscher. Ich werde hier den Schlangen zum Fraß bleiben, wer kann mich noch retten? Ei, ei!
In der Not kam dem Kutscher ein guter Gedanke. Mit der Hand, mit der er die Zügel hielt, knöpfte er seinen Mantel auf und warf ihn hinunter in der Hoffnung, daß die Schlangen glauben würden, der Kutscher sei vom Pferd gefallen, und daß sie ihn dann in Ruhe ließen.
So geschah es auch: Sobald der Kutscher seinen Mantel hinuntergeworfen hatte, stürzten sich alle Schlangen auf den Mantel, und keine von ihnen kam ihm mehr nach. Auf diese Weise rettete sich der Kutscher durch seinen guten Einfall aus den Zähnen der Schlangen, er ritt nun glücklich und in Gedanken an einen guten Lohn nach Hause.
Schnell setzte der Kutscher einen Topf aufs Feuer, um die mitgebrachte Krone des Schlangenkönigs auch rechtzeitig dem Herrn vorsetzen zu können. Während des Kochens paßte er gut auf, daß der Kamm nicht zerbröckelte und nicht zerkochte, da ihn der Herr streng davor gewarnt und ihm auch verboten hatte, während des Kochens von der Brühe zu kosten. Der Kutscher war zugleich Koch des Herrn.
Als die Schlangenkrone schon richtig gar war und der Koch sie aus dem Kessel herausnehmen wollte, nahm er mit dem Schöpflöffel etwas Brühe und kostete ein klein wenig davon, um zu sehen, ob sie schon gar sei. Die Speise war gerade richtig gar, und der Koch legte den Kamm vorsichtig mit der Brühe auf einen Teller und brachte sie dem Herrn.
Der Herr sah, daß die gekochte Schlangenkrone unberührt und heil war, und begann schnell zu essen. Den Kamm aß er zuerst auf, hinterher schlürfte er auch die Brühe aus. Als er die ganze Speise aufgegessen hatte, ging er schlafen.
Der Herr freute sich, daß jetzt die ganze von ihm erhoffte Weisheit, die in der Krone des Schlangenkönigs stecken sollte, ihm gehörte. Von alten Leuten hatte der Herr gehört: Wer die Krone des Schlangenkönigs bekommt, sie kocht und aufißt, erfährt alle Geheimnisse. Auch wird er alle Vogelsprachen verstehen, alles, was die Vögel in ihrer Sprache über sich selbst oder über das Glück und Unglück mancher Menschen reden. Der Herr war überzeugt, jetzt klug zu sein, und er dachte nicht daran, das noch zu überprüfen, sondern schlief ruhig ein.
Am nächsten Morgen stand der Herr auf und sagte zum Kutscher: „Spann die Pferde vor die Kutsche! Wir fahren an die Glücks- und Unglücksstelle von gestern, um sie uns anzusehen.“
Der Kutscher spannte die Pferde schnell vor die Kutsche, und sie fuhren an der Stelle vorbei, wo der Kutscher gestern seinen Mantel abgeworfen hatte. Da war nichts mehr zu sehen, außer eini-gen blauen Wollfetzen. Beim Weiterfahren kamen ihnen zwei Raben im Fluge entgegen, machten „Klonks, klonks, klonks!“ und flogen über die Fah-renden hinweg. Der Kutscher fragte, ob sein Herr nicht verstehe, was die Raben in ihrer Sprache gesagt hatten. Der Herr erwiderte, daß er nichts davon verstanden habe.
Da sagte der Kutscher: „Die Raben sagten, der Weg vor uns führe über eine große Brücke, und wenn wir über diese Brücke fahren, werde das Holz der Brücke unter den Hufen unserer Pferde bersten, und ein Pferd werde sich das Bein bre-chen.“
Der Herr glaubte es nicht und befahl weiterzufahren. Sowie die Pferde über die Brücke kamen, zersplitterte ein Brückenholz, und ein Pferd brach sich das Bein.
Da begriff der Herr, daß der Kutscher ihn betrogen und die Weisheit aus der Krone des Schlangenkönigs durch irgendwelchen Betrug für sich gestohlen hatte. Der Kutscher wußte allerdings nichts davon, daß er dem Herrn die Weis-heit gestohlen haben sollte, denn er wußte nicht, daß die in der Krone enthaltene Weisheit in die Brühe ausgelaufen war, die er vom Schöpflöffel gekostet hatte. Die Krone war wohl heil und unversehrt, doch die Weisheit war in die Brühe gelangt, die der Kutscher geschlürft hatte.
Der Herr sah jetzt, daß der Kutscher klug war und ihn betrogen hatte. Da gab ihm der Herr auch keinen Lohn für seine Mühe beim Holen der Schlangenkrone und verjagte ihn aus seinen Diensten.

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